Graphic Novel – Lucy Knisley, Relish

First Second (in der hippen Schreibweise „:01“) ist ein amerikanischer Indy-Comic-Verlag aus New York, der unter anderem viele französische Comics im Programm hat. So hat er etwa Joan Sfar und Lewis Trondheim im Programm, aber vor allem Comics aus der Feder unabhängiger amerikanischer Künstler. Was ihn dabei von den namhaften Indy-Größen Topshelf, Fantagraphics und Drawn & Quarterly unterscheidet, liegt sein Fokus auf klassisch erzählten Geschichten. Künstlerische und grafische Experimente finden sich im Programm von First Second eher selten.

Lucy Knisleys Comic „Relish – My Life in the Kitchen“ paßt nahtlos in dieses Programm: Es ist nicht zuletzt das Produkt einer sehr produktiven autobiografischen Comic-Bloggerin (wobei das Comic-Blog eine französische Spezialität ist), deren bunter Cartoon-Stil handwerklich solide, aber wenig überraschend ist. Vor allem aber ist es ein Comic, in dem New York eine zentrale Rolle spielt. Oder genau gesagt: Die kulinarische Szene von New York.

„Relish“ ist ein Comic über Essen und damit ist hier nicht nur die Tätigkeit, sondern vor allem Essen im Sinne von „Lebensmittel“ gemeint. Der Begriff „foodie“ fällt mehr als nur einmal im Buch, wenn die Autorin versucht die Umgebung zu charakterisieren in der sie aufgewachsen und in die sie hineingewachsen ist.

relish_smallIhre Eltern haben Ende der 70er/Anfang der 80er alles getan, um dem typisch amerikanischen Essen zu entkommen. Ihre Mutter wurde erst Angestellte in einem Käseladen, später Betreiberin eines eigenen Catering-Services und trat damit in die Fußstapfen diverser Verwandter, die sich im Betrieb von „Delis“ oder als Köche etabliert hatten. Damit war ihre Mutter ein fester Bestandteil der sich langsam herausbildenen New Yorker kulinarischen Szene, die heute – befeuert durch das Geld von Wall Street und Down-Town-Prominenz – aus der Stadt nicht mehr wegzudenken ist.

Dementsprechend schildert Lucy Knisley in „Relish“ sozusagen die Geschichte einer „éducation culinaire“: In unzähligen Anekdoten aus ihrer Kindheit und Jugend breitet sie die verschiedenen Facetten dieser Welt aus, schildert ihre Erlebnisse als Servierin im Betrieb ihrer Mutter und als Hilfskraft auf einer Pilzfarm in Upstate New York, nachdem die kleine Familie dorthin übersiedelt ist. Kulinarische Expeditionen nach Rom, Mexiko und Tokyo komplettieren das Bild einer Heranwachsenden deren Weltkarte durch Essen definiert wird.

Der lockere, humorvolle Tonfall überspielt dabei geschickt, dass Lucy Knisley eigentlich kaum eine zusammenhängende Geschichte erzählt. In den einzelnen Kapiteln des Buches springt sie munter zwischen verschiedenen zeitlichen Abschnitten hin und her, als einziges Bindeglied etwa ihre Begeisterung für Käse oder ihre (in den Augen ihrer Eltern unverzeihliche) Schwäche für Junk Food.

Als besonderes Schmankerl schließt jedes Kapitel mit einem illustrierten Rezept ab. Man darf hier nicht die kompliziertetes Küche erwarten, da Lucy Knisley zwar die Begeisterung ihrer Familie für eine gute Küche geerbt, aber sie nicht zu ihrem Metier gemacht hat. Eingelegte Lammhaxe, Chocolate Chip Cookies, Spaghetti Carbonara, Huevos Rancheros, vegetarisches Sushi und die von ihr selber kreierte Shepard Fairey Pie sind nicht unbedingt vergleichbar mit den Rezepten, die es etwa in Christophe Blains ähnlich angelegten Comic „En Cuisine avec Alain Passard“ zu finden gibt, aber sie umreissen geschickt das Zielpublikum, dass das Comic ansprechen möchte: Menschen, die gerne gut unterhalten werden und auch gerne gut essen, das aber lieber ganz nonchalant nebenbei tun, ohne sich allzu sehr anzustrengen zu müssen. Dieses Publikum erreicht „Relish“ perfekt.

[Das Comic ist bisher nur auf Englisch erschienen. Lucy Knisleys Comic-Blog ist frei zugänglich und ergänzt ihr Buch, um weitere Anekdoten aus ihrem Leben.]

 

Lucy Knisley
Relish – My Life in the Kitchen
First Second
ISBN 978-1-59643-623-7

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