Graphic Novel – Manu Larcenet, Blast

Es sind nicht zuletzt die Autobiographic Comics, die den Aufstieg der Graphic Novel herbeigeführt haben. Die manchmal sehr persönlichen, manchmal auch politisch kritischen Betrachtungen des eigenen Lebens erlaubten es extrem unterschiedlichen Autoren und Zeichnern sich dem eigenen Leben anzunähern. Das Publikum, das erstmals seit langer Zeit wieder sich selber und die eigene Welt in Comics wiederfinden konnten, dankte es den Künstlern mit wirtschaftlichen Erfolg.

Einer dieser Bestseller war das 2003 erschienene „Der alltägliche Kampf„, das bereits in seinem Titel jene wuttreibende Widerborstigkeit des Lebens umschrieb, mit dem sich viele Leser identifizieren konnten. Das Publikum schenkte seinem Autoren Manu Larcenet nicht nur internationalen Erfolg, sondern machte ihn vor allem auch zu einem der Superstars der französischen Comicszene. Und das obwohl Manu Larcenet bereits seit den 90ern in der Comicszene präsent gewesen ist (vor allem im Umfeld des Magazins Fluide Glaciale).

Die französische Comicwelt hatte damit einen Künstler an die Oberfläche gespült, der alles blast_smallandere als ein Newcomer war, aber in dem neuen Umfeld aus anspruchsvollen Themen und unter dem Label der „Graphic Novels“ plötzlich Erfolge vorweisen konnte, die vorher so kaum vorstellbar gewesen wären (was nicht heißen soll, dass es vergleichbare Arbeiten nicht gegeben hätte). So gesehen ist die vergangene Dekade vom Erfolg von Künstlern gekennzeichnet, die nicht unbedingt wegen ihres Talents (das nichtsdestotrotz schon immer vorhanden war), sondern aufgrund veränderter Umständen plötzlich im Rampenlicht standen.

[Selbstkritisch muß ich an dieser Stelle anmerken, dass dies auch bedeutet, dass vieles von dem was hier rezensiert wird, deswegen auch wie eine nachträgliche Betrachtung einer vergangenen Dekade aussieht. Etwas, was ich zu ändern beabsichtige.]

So gesehen ist Larcenets derzeit erscheinende Serie „Blast“ ebenfalls ein Werk, das so vorher bestenfalls als ein wohlwollend erwähntes Underground Comic erschienen wäre und wahrscheinlich auch nie den Weg nach Deutschland gefunden hätte. Doch der unermüdliche Reprodukt-Verlag hat auch dieses Comic in der zuverlässigen Übersetzung von Ulrich Pröfrock lokalisiert und im April den zweiten Band davon herausgebracht, obwohl „Blast“ in jeder Hinsicht sperrig ist.

Das liegt vor allem an seiner Hauptfigur Polza Mancini, der nach dem Tod seines Vaters sich von allen gesellschaftlichen Bindungen und Verpflichtungen befreit, um den „Blast“ zu finden, einen vorübergehenden Zustand des farbenfrohen Deliriums in einer sonst grauen Welt. Polza ist dabei über alle Maßen fett, sein exzessives Essen ist nur noch Fressen, sein Trinken ein enthemmtes Saufen. Die Polizisten, die Polza zum Beginn der Geschichte zu verhören versuchen, sind von seinem ganzen Auftreten kaum verhohlen angewidert.

Die Geschichte von Polzas selbstgewählter Obdachlosigkeit irgendwo in der französischen Provinz, entspinnt sich dabei als ein nicht-enden-wollender Monolog, der Polza den Polizisten vorträgt. Diese wollen eigentlich wissen was mit einer jungen Frau namens Carole passiert ist, die im künstlichen Koma in einem Krankenhaus um ihr Leben kämpft. Doch statt klarer Antworten schweift Polza aus, versucht sein von Depressionen, Exzessen und Aufhalten in psychiatrischen Kliniken gezeichnetes Leben nachzuzeichnen, dass seine Motivation für sein Ausstieg aus der Gesellschaft war. Vor allem dreht sich alles aber um den Weg, die er seit dem Ausstieg aus der Gesellschaft zurückgelegt hat. Die Polizisten lassen ihn reden, weil sie hoffen, dass er irgendwann auch die Wahrheit über Carole verrät.

Doch Polza macht es seinen Zuhörern nicht einfach und genauso wenig wird der Leser verschont: Polza ist in seinem Verhalten, in seiner monomanischen Suche nach dem nächsten, der in naiven Kinderzeichnungen dargestellten „Blasts“ schlicht asozial. Er verweigert sich der Gesellschaft und er verweigert sich verstanden zu werden. Seine Haltung schwankt dabei zwischen Kynismus und kindischem Egoismus. Larcenet präsentiert diesen fetten Verweigerer als einen Suchenden zwischen Moai-Statuen und Tiervisionen, dessen Abstieg in eine Hölle aus Verwahrlosung und menschlichen Abgründen bereits von Beginn an vorgegeben ist; die er in wortwörtlich lebensmüder Absicht sogar sucht.

Diese Welt ist zutiefst grau, selbst das Weiß der Seiten versieht Larcenet dabei mit dreckig wirkenden Texturen von verdünnter Tusche und schreckt auch nicht davor zurück monumentale, über eine ganze Seite ausbreitenden Nachtbildern zu gestalten, die sich komplett zwischen Schwarz und 90% Grau abspielen. Nur für diese düsteren Panoramen durchbricht er das konventionelle Layout (meist Varianten von 3×2) oder für die subjektiven Visionen von Polza, allen voran seinen „Blasts“, in denen sich naive Kinderzeichnungen (tatsächlich von Larcenets Kindern stammend) grotesk überlagern.

Genauso wie Protagonist Polza verweigert sich Larcenets Gestaltung dabei einem Zugang: Natürlich sind die einzelnen Elemente alle für sich interpretierbar, aber Polzas Verweigerung einer Verständigung mit den ihn interviewenden Polizisten, betrifft auch den Leser. Polza möchte reden, kommunizieren, aber nicht verstanden werden und „Blast“ ebenfalls nicht.

So fällt es schwer überhaupt künstlerische Werke zu finden, mit denen „Blast“ vergleichbar ist, nicht nur Comics. Irgendwo am Rande des Universums, wo auch Filme von Abel Ferrara, Musik von Captain Beefheart, Romane von William S. Burroughs oder unverständlichn Hinterlassenschaften wie die Moai sich mit dem unsrigen überschneiden ist auch „Blast“ zu finden.
Dieses Anders-Sein ist nicht schön oder angenehm, aber es ist wichtig, weil es unsere Welt bereichert.

[Auf Deutsch liegen bisher 2 der geplanten 4 Bände vor, auf Französisch 3.]

 

Manu Larcenet
Blast
Reprodukt
Band 1: ISBN 978-3-943143-41-6
Band 2: ISBN 978-3-943143-12-6

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