Graphic Novel – Sarah Leavitt, Das große Durcheinander

Der Tod ist etwas zutiefst persönliches. Damit meine ich nicht das mehr oder weniger selbst wahrgenommene Sterben eines Menschen, sondern den Tod als den dauerhaften Verlust eines Menschen in unserer Umgebung. Welche Beziehung man zu diese Menschen hatte, welche Erinnerungen man mit ihm oder ihr verbindet, welche Dinge gesagt oder ungesagt geblieben sind, all dies formt dieses unteilbare, niederschmetternde Gefühl des Verlustes, das untrennbar und unveränderlich mit dem ganz eigenen Bild eines Menschen verbunden, der einen verlassen hat.

Sarah Leavitts Buch „Das große Durcheinander“ ist ein Versuch genau dies doch irgendwie in Text und Bild zu bannen. Autorin und Zeichnerin Leavitt hat in Tagebuchform und Skizzen die Alzheimer-Erkrankung ihrer Mutter aufgezeichnet. Nach eigener Aussage war es ihre Methode mit den Ereignissen der langen und frustrierenden Tage fertig zu werden in denen sie und ihre Familie sich um die Mutter gekümmert haben.

Jene Mutter, Miriam mit Namen, wird als eine von drei Schwestern aus einer das_grosse_durcheinander_smallmittelständischen Familie eingeführt, deren in den 60er und 70ern geprägten Ideale sie zu einer selbstständigen, emanzipierten und manchmal auch etwas sturen, aber immer liebenswerten Frau gemacht haben. All das nimmt ihr Stück für Stück die sich langsam durch ihren Verstand wühlende Krankheit. Zuerst sind es nur Details: Beim gemeinsamen Spaziergang mit Sarah erinnert sich die Mutter nicht mehr an den Weg zurück zum Haus der Familie. Doch was zuerst nur Kleinigkeiten sind, beginnt sich zu häufen: Türen beginnen plötzlich ein Hindernis darzustellen, die von ihr geliebte Gartenarbeit führt sie in ihrer Vergeßlichkeit nicht zuende und schließlich wird sie von Kopfschmerzen gequält.

Es ist die Mutter selber, die dabei das Wort „Alzheimer“ zuerst in den Mund nimmt und es dauert einige Zeit bis die Familie bereit ist sich der niederschmetternden Diagnose der Ärzte zu stellen. Es ist der Beginn des Weges in den Abgrund einer Krankheit, deren erstes Opfer der Charakter von Miriam ist. Sarah und ihre Familie müssen hilflos mitansehen, wie ihr Wesen sich verändert. Trotz der Versuche der Familie die Folgen der Krankheit abzumildern werden sie immer offensichtlicher werden und erfordern nicht unendliche Geduld, sondern auch das Überwinden der eigenen Schamgrenzen. Denn alles was auf eine Katastrophe folgt ist nur noch schlimmer: Inkontinenz, die Verlust selbständig zu essen, unvorhersehbares Verhalten, die Fähigkeit einer Unterhaltung zu folgen,…

Im Angesicht der Krankheit beginnt auch die Leidensbereitschaft der Familie immer größer zu werden. In den sechs Jahren die das Buch nachzeichnet, fängt dabei Sarah Leavitt nicht nur die Veränderung ihrer Mutter, sondern eben auch die ihrer Familie ein: Wie sie selber vom Verhalten ihrer Mutter genervt ist, wie ihre Schwester sich durch Heirat dem Drama der Krankheit entzieht, wie der Vater zunehmend überlastet ist.

All dies fängt Sarah Leavitt in kindlichen Zeichnungen ein: Ihre Figuren sind kaum mehr als Strichmännchen, der Text ist ohne erkennbare Überarbeitung oder Korrektur in den Ränder der Panels platziert, die sich nahtlos über die ganze Seite erstrecken. „Das große Durcheinander“ ist kein Buch einer Autorin, der es um Layout oder Nuancen geht. Es ist im Kern und ganz wertfrei gesprochen naiv: Ihre Figuren sind nicht nur im grafischen Sinne simpel gezeichnet, sondern weinen, lächeln und wüten auch ohne Übergang. Der Autorin liegt viel daran diese Emotionen (und nicht selten nur diese) einzufangen.

Es ist schwer über ein persönliches und im Kern sehr ehrliches Werk der Erinnerungsbewältigung zu urteilen ohne dabei wie ein arroganter Schnösel daherzukommen, der dann dem Vorwurf gegenüber steht, dass er die im Buch geschilderte Situation nicht nachvollziehen könne.

Dennoch, den vorbehaltlos positiven Resenzenten, die sich auf die Emotionen in „Das große Durcheinander“ stürzen, möchte man trotzdem sehr gerne ein „Mutter hat Krebs“ oder die zwei Bände von „Die heilige Krankheit“ an den Kopf werfen. Was man dem Herausgeber von Sarah Leavitts Buch, der es mit dem Slogan „Alzheimer als Graphic Novel – Innovativ und berührend“ bewirbt, antun möchte, darüber will ich an dieser Stelle am liebsten garnicht erst sprechen, um nicht vollkommen pietätlos zu erscheinen.

 

Sarah Leavitt
Das große Durcheinander
Beltz Verlag
ISBN 978-3-407-85968-6

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