Graphic Novel – Joel Orff, Thunderhead Underground Falls

Vor ein paar Monaten wurde mir ein Comic… „geschenkt“: Ich hatte eine gute Bekannte und ihren Partner zu mir eingeladen und ihr Partner wußte, dass ich Comics lese und sammle. Er brachte mir eines mit von dem er der Meinung war, dass ich es einmal lesen sollte. Es handelte sich um „Waterwise“ von Joel Orff.

Als ich das Comic einige Zeit später zurückgeben wollte, war die Beziehung bereits in die Brüche gegangen. In der für meine Bekannte ausgesprochen unangenehmen Trennung kam das Thema mit der Rückgabe nur ein einziges Mal zur Sprache: Sie meinte ich solle das Comic behalten. Da ich sowieso keine Kontaktdaten von dem besagten Nun-Ex hatte und er sich mit mir auch nicht in Verbindung setzte, habe ich es immer noch.

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Es dauerte ein Weilchen bis mir dabei etwas auffiel: Nachdem ich bereits „Strum and Drang“ und „Thunderhead Underground Falls“ von Joel Orff besaß, war „Waterwise“ das letzte Comic, das mir von ihm noch fehlte. Die Feststellung, dass es überhaupt nur 3 veröffentlichte Comics von Joel Orff gibt, nahm ich als eine merkwürdige Mischung aus Unglauben, Enttäuschung und einem undefinierbarem Gefühl des Verlustes war. Seit dem Erscheinen von „Thunderhead Underground Falls“ vor mehr als 5 Jahren hat er nichts mehr veröffentlicht und selbst im Internet läßt sich seit dem Erscheinen dieses Buches fast nichts mehr von oder über Joel Orff finden.

Dabei beweist das Schicksal eine merkwürdige Form von Ironie, denn diese Fakten und die Umstände wie ich an das letzte der drei Comics gekommen bin, paßt perfekt zu den Themen, die Orff in seinen Comics verarbeitet: Nostalgie, Melancholie und ein ständiges Gefühl des Verlustes.
Dies sind auch die Themen von Orffs wahrscheinlich bestem Werk: „Thunderhead Underground Falls“.

Dessen Geschichte ist recht einfach erzählt. Ein College-Student verläßte Uni um zur Armee zu gehen und verbringt seine letzten Stunden gemeinsam mit seiner neuen Freundin, von der nicht ganz sicher ist, ob er sie jemals wiedersehen wird, da die Armee auch Kampfeinsatz bedeutet. Gemeinsam mit ihr irrt er durch die winterliche Nacht. Erst über den Campus, dann durch den verschlafenen Ort und schließlich fassen sie gemeinsam den Plan die „Thunderhead Underground Falls“ zu besuchen, die er schon immer einmal sehen wollte.

Objektiv betrachtet passiert nicht viel in „Thunderhead Underground Falls“. Es sind die Details, die hier zählen: Die innige, wortlose Vertrautheit der beiden Hauptfiguren und ihr zielloses Driften durch eine Umwelt, die ihnen keinen Halt bietet. Dazwischen brechen surrealistische Traumwelten ein, im Halbschlaf mitgehörte Konversationen werden zu merkwürdigen Bildern, die Ereignisse des Tages zu bizarren, übervollen Szenerien und dann kehrt das Comic wieder in die kalte, menschenleere Welt des US-amerikanischen Nordens zurück, in der lautlos der Schnee um das Auto der beiden Namenlosen niedergeht.

Da Orff aus der Comic-Zine-Szene der 90er kommt, ist sein Zeichenstil extrem simpel. Alles ist in Tusche und damit Schwarz-Weiß gehalten, seine Figuren sind ungelenk, das Layout verläßt sich darauf die Seiten mit möglichst wenig Bilder zu füllen. Und doch gelingt es ihm, die Seiten mit mehr Gefühl und Emotion zu füllen, als es viele mainstreamigere Künstler jemals schaffen werden. Liebe, Verlust, Loyalität, die Stille eines schneereichens Winters, das Gefühl einer vertanen Chance… All dies teilt sich den Lesern auf den vielfach vollkommen wortlosen Seiten mit.

Und nun – mit dem Verschwinden seines Machers – sind „Thunderhead Underground Falls“ und die anderen beiden Comics von Joel Orff selbst zu Symbolen für Nostalgie und den Verlust geworden.

[Obwohl bereits 2007 erschienen sind „Thunderhead Underground Falls“ und Orffs andere Comic immer noch, beispielsweise über Amazon, erhältlich.]

 

Joel Orff
Thunderhead Underground Falls
Alternative Comics
ISBN 978-1891867880

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