Graphic Novel – Tom Gauld, You’re just jealous of my jetpack

Das Reich der Comics ist recht weitläufig und wird von den unterschiedlichsten Fürsten beherrscht. Im weit entfernten Nippon hausen versklavte Zeichner, die unter der Fuchtel von Redakteuren pausenlos Mangas zeichnen. Jenseits des großen Teichs herrscht der ewige Krieg der großen Verlage, die in ihrem Kampf die Künstler verheizen. Und bei unseren Nachbarn, im Großreich Frankreich-Belgien springen zwischen Farbtöpfen leicht-bekleidete junge Damen umher, die sich willig auf den Covern entblößen, um die Verkaufszahlen zu steigern. Jenseits davon? Gähnende Leere und vereinzelte Inseln der Kreativität im Ozean des Lizenzgeschäftes. Nur hier und dort hält eine einsame Institution das Banner des künstlerisch anspruchsvollen Comics hoch.

Im leider auch nicht gerade mit florierenden Comicverlagen gesegneten Großbritannien ist eine dieser Insel die Zeitung „The Guardian„. „The Guardian“ ist nicht nur ein Verfechter der Comickultur, sondern beherbergt auf seinen Seiten auch einige ausgezeichnete Künstler, wie etwa Posy Simmonds, die eben dort Berühmtheit erlangt hat. Zu den Nachwuchsstars in diesem Sortiment gehört Tom Gauld, der bereits mit „Goliath“ in Erscheinung getreten ist.

Das nun erschienene und brilliant betitelte „You’re all just jealous of my jetpack“ jetpack_smallversammelt Gauld’s Comicstrips, die in den Seiten des Guardians erschienen sind. Nachdem Gauld zuerst noch mit einer Veröffentlichung gezögert hat, dürften die sehr guten Verkaufszahlen von „Goliath“ und das gute Zureden seines Verlages Drawn & Quarterly (natürlich ein nordamerikanischer, kein britischer!) ihn davon überzeugt haben auch seine kleineren Arbeiten in Buchform zu versammeln.

Diese Strips erzählen keine zusammenhängenden Geschichten. Im Gegenteil. Es handelt sich um kleine Vignetten und Miniaturen, die in vereinzelten Fällen politischen Bezüge haben, aber ansonsten den Leser in ein ganz merkwürdiges Land entführen. Gauld scheint sich mit Vorliebe in einem Zwischenreich irgendwo zwischen Surrealismus, Pop- und Hochkultur herumzutreiben, dass er in minimalistisch-melancholischem Strich wiedergibt.

Und diese Zwischenreich hat jede Menge an Sehenswürdigkeiten zu bieten:

– Eine Landkarte oder „London’s first underground railway was built by Charles Dickens to aid his crime-fighting activities…“
– Die Neuveröffentlichung „Overly-Dramatic Astronaut Detective“
– Das Rätsel „Guide the metropolitan intellectual back to his ivory tower without encountering his countrymen“
– „Apocryphal Bible Stories: Holy Spirit investigates“
– Oder für Liebhaber der „Urban Music“, als Vorschläge die Genres „Dormitory Town Funk“, „Small Retail Park Blues“ und „Business District Indie-pop“

In den düsteren, schwarzen und nicht selten pechtiefschwarzhumorigen Bildern wird der Kenner den Einfluß von Edward Gorey wiedererkennen. Dennoch ist Gauld alles andere als ein Epigone, sondern findet in einfachen geometrischen Formen und einem komplett reduzierten Layout seine ganz eigenen Figuren. Was diese Figuren allerdings erleben ist dermaßen verwirrend und hintergründig humorvoll, dass einem zwar das Lachen im Halse steckenbleibt, man es aber dennoch amüsiert-irritiert wieder herunterschluckt, damit man ganz schnell die Seite umblättern kann, weil man nicht darauf warten kann, was für Unfug Gauld als nächstes anstellt.

Es scheint fast ausgeschlossen zu sein, dass Tom Gauld an diesem Punkt seiner Karriere sich noch einmal verläuft. Demnach scheint es geradezu unvermeidlich, dass er in zehn Jahren einer der Orientierungspunkte der Comicszene sein wird.

 

Tom Gauld
You’re just jealous of my jetpack
Drawn & Quarterly
ISBN 978-1-77046-104-8

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