Graphic Novel – Ryuta Amazume, Nana & Kaoru – Black Label

Es ist ja bereits viel zu lange her, dass hier an dieser Stelle eine Pornorezension erschienen ist. Höchste Zeit Abhilfe zu schaffen, dachte ich mir und stiefelte in den Comicladen. Der Kassierer konnte mir beim Verkauf nicht in die Augen sehen und ich war drauf und dran ihm eine lange Rede darüber zu halten, dass ich diese Pornos keineswegs zu meinem Vergnüngen, sondern vielmehr ausschließlich und alleine zum Zwecke der kulturwissenschaftlichen Analyse zu kaufen beabsichtigte.

Doch dann kam mir ein anderer Gedanke: Was wenn der Verkäufer sich nicht daran stieß, dass ich Pornos kaufte, sondern was für Pornos? Handelte es sich vielleicht um einen Pornocomichipster hinter der Kasse, der nur Originalzeichnungen bestimmter belgischer SciFi-Vintagecomickünstler der 1970er als erregt empfand und mein käufliches Erwerben von „Nana und Kaoru – Black Label“ hatte für ihn einen derart hohen Fremdschämfaktor, dass er seinen Kopf nicht heben konnte?

Diese Frage veröffnete natürlich eine ganze andere Dimension der Erörterung und ist natürlich von existentieller Wichtigkeit für die Leser dieses Blogs: Wie steht „Nana und Kaoru – Black Label“ im Vergleich zu belgischen SciFi-Vintagecomics der 1970er-Jahre da? Gibt es darin phallische Raumschiffe, Sex-Engel, Lustroboter und schlüpfrig-fleischige Pflanzen, deren feuchte Öffnungen sich gierig dem einsamen Reisenden zwischen den Raumspalten hinneigen?

Zugegeben die japanische Provinz schneidet im direkten Vergleich mit phallischen nana_kaoru_smallRaumschiffen erst einmal nicht so gut ab. Doch wer die Japaner kennt, weiß dass sie die unnachahmliche Fähigkeit besitzen selbst ein harmloses Kürbisfeld in einen Ort der orgiastischen Wollust zu verwandeln: In der Morgensonne glänzen die straffen Gemüsestrangen, recken sich der Sonne entgegen. Während in der Mittagszeit zeigt sich in der feuchten Hitze der Schweiß auf der Haut, während die Seide der Kimonos nun sanft direkt am Körper klebt, so daß sich die Feuchtigkeit in jeder Hautfalte sammelt und die glänzenden Kürbisse bereitwillig ihre unermüdliche Bereitschaft signalisieren.

Zugegeben, die meiste Zeit ist davon in diesem Manga nichts zu sehen, da sich alles in den vier Wänden es eines alten Bauernhofes abspielt. Allerdings sind gerade solche Orte natürlich nur zu gut dafür geeignet, in die Abgründen einer scheinbar domestizierten Existenz herabzusteigen, in denen die Bewohner sich in den alten verfallenen Vorratsräumen verbotenen Liebschaften und Obsessionen hingeben, deren Auswirkungen nachts in Form von dunklen Schatten über die Gallerien schleichen und leise schmatzende Geräusche von sich gegeben. Während die Menschen in den Betten so tun, als ob sie diese Geräusche nicht hören würden, die sie doch so sehr an etwas erinnern, dass sich der Schweiß auf ihrer Haut sammelt, während sie sich auf den Futons herumwälzen und diese mit ihrem ganzen zuckenden Körper umklammern, während ihre Köpfe vor Fantasien schwirren.

Zugegeben, davon kann „Nana und Kaoru – Black Label“ nicht viel bieten, wobei darin allerdings Kinbaku, die japanische Kunst des SadoMaso mittels Seilen und Fesseln eine zentrale Rolle spielt. Jene Kunst also, die die sexuelle Inkarnation der japanischen Obsession von formaler Perfektion, die (in der großen Mehrheit) gefesselte Frauen zu gleichermaßen unzugänglichen, wie ausgelieferten Kunstobjekten macht, deren Regungen und Widerstand zum Teil eines erregenden Schauspiels werden. Während sich die Seile tief in die Haut einschneiden und der Atem der Beteiligten sich in den Räumen zu stickigem Dunst sammelt, der im Flackern des Kerzenlichts die verkrümmten Körper zu ekstatischen Zuckungen und die Anwesenden nach Luft schnappen läßt, bis ihre Begierden aus ihnen hervorschießen.

Zugegeben, davon ist… Ach was, davon ist in „Nana und Kaoru – Black Label“ einfach nichts zu finden. Stattdessen ist es mal wieder die Geschichte eines froschgesichtigen High School-Losers, dem sich ein überaus attraktives Mädchen aus nicht nachzuvollziehenden Gründen willenlos hingibt. Zur Abwechslung spielt ein älterer Mentor und eine andere willige Dame eine Rolle, aber was spielt das in diesem „50 Shades of Gray“-Verschnitt für männliche Teenager schon für eine Rolle?

Hatte der Verkäufer also doch recht! Dann gehe ich mal wieder und krame meine phallischen Raumschiffe hervor…

[„Nana und Kaoru – Black Label“ ist ein Spinoff der Serie „Nana und Kaoru“, die mit noch weniger Substanz auskommt.]

 

Ryuta Amazume
Nana und Kaoru – Black Label
Panini/Planet Manga
ISBN 978-3-86201-394-4

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