Graphic Novel – Dino Pai, Dear beloved stranger

Soll man ein Debüt verreissen? Soll man sich überhaupt die Mühe machen ein schwaches Debüt zu kommentieren oder stattdessen schweigen und dem Künstler die Chance lassen sich zu verbessern?
Deswegen gleich vorneweg: Dino Pais „Dear beloved stranger“ ist kein gutes Comic. Es ist eines dieser Comics, dem es gelingt auch vielen, hübschen Seiten nichts zu sagen, weil dem Künstler garnicht einfällt, was er sagen sollte. Er ist nicht weder bilder-, noch sprach-, aber geschichtslos.

Das Problem von „Dear beloved stranger“ ist dabei teilweise paradox: Als Grundlage des Geschichten erzählens gilt immer der Konflikt und es nicht so, dass dieses Comic keinen hätte. Denn es ist die Geschichte eines vereinsamten Künstlers, das Scheitern eines jungen Mannes, der sich von dem Weg von der Universität in den Beruf hinein verirrt, der sich und seine Identität nicht wiederfindet, weil er hofft in der Identität eines anderen aufzugehen. Damit greift Autor, Zeichner und mutmaßliche Hauptperson Dino Pai nach den ganz großen Themen und verfehlt sie alle meilenweit.

dear_beloved_stranger_smallDino ist die Hauptperson, ein junger Mann, der irgendwo in einem Appartment herumhängt und keinen Anschluss an seine Umgebung findet. Stattdessen schreibt er Briefe an eine Unbekannte und verbringt seine Zeit damit ein Porträt an der Wand zu verehren. Gelegentlich trifft er eine junge Frau von seiner ehemaligen Uni, welches Verhältnis beide zueinander haben, wird nie ganz deutlich. Liebt er sie? Ist sie seine Angebetete? Oder nervt sie ihn bloß? Und ist das der Grund warum er immer wieder reißaus vor ihr nimmt? Dazwischen versucht er ein Comic zu zeichnen, dessen Hauptfigur er selber ist und sich als märchenhafte Figur auf eine fantastische Reise macht, bei der ihn eine Frauenstimme leitet. Am Ende kollidieren diese Welten in wilden Kollagen und schließlich wird auf den letzten 20 Seiten einem die Geschichte erklärt, falls dem Leser irgendetwas entgangen sein sollte.

Das Problem mit Dino Pais Comic ist leider ein weit verbreitetes, gerade unter Comic-Künstlern, die sich zu sehr auf die Macht ihrer Bilder verlassen: Der Glaube, dass die Anhäufung von Material eine irgendwie sinnvolle Geschichte ergibt und dass man mit Metaphern und Symbolen eine inhaltliche Leere füllen kann. Die Konstruktion eines Comics von einem jungen Mann namens Dino über einen Mann namens Dino, der ein autobiografisches Comic zeichnet ist dafür geradezu ein Inbegriff. Das Gesamtergebnis ist dabei bestenfalls ein für den Moment faszinierendes, aber schnell vergessenes Spiegelkabinett ohne Originalität. Die von Pai eingesetzten Mischtechniken, sein Wechsel zwischen Stilen ist ein weiteres Symptom dafür, so dass ihm am Ende auch garnichts anderes bleibt als das was bei ihm von einer Geschichte übrig ist in Kollagen zu ersaufen, damit es überhaupt noch zu einem Höhepunkt kommt.

Das alles hört sich an dieser Stelle sicherlich viel schlimmer an als es ist. „Dear beloved stranger“ würde bei den Preisen um die größten Comicgurken kaum eine Erwähnung verdienen. Selbst dafür ist es zu belanglos. Doch zugleich zeigt das Comic geradezu exemplarisch, woran die Indy-Comic-Welt so häufig krankt: Der sonst so hochverdiente Verleger Top Shelf hat hier einen Band vorgelegt, dessen Stil und der damit verbundene Anspruch sich in so luftige Höhen schwingen, das sie dem Höhenkoller erliegen und schließlich den einmal erklommenen Abhang wieder hinunterstürzen, nachdem die inhaltlichen Substanz bereits auf halber Strecke liegengeblieben ist.

Wenn Top Shelf hier stärkere verlegerische Führung gezeigt hätte: Es hätte dem Debütanten Dino Pai gut getan.

 

Dino Pai
Dear beloved stranger
Top Shelf Comics
ISBN: 978-1-60309-271-5

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