Graphic Novel – Kevin Cannon, Crater XV

Erinnern Sie sich noch daran, als “Comic” eine Beleidigung war? Als die selbsterklärten Hüter eines bildungsbürgerlichen Kanons über Filme oder Fernsehserien die Nase rümpften und sich abfällig darüber äußerten, dass ein Film oder ein Buch “wie ein Comic” sei. In den Zeiten der Graphic Novels auf den Bestsellerlisten und in der Hollywood mit Comicverfilmungen Milliardenumsätze macht, hört man dergleichen inzwischen seltener. Quengelnde Kinder werde heute eher schnell mit der Neuauflage von “Sailor Moon” oder “One Piece” abgespeist, damit sie “wenigstens mal was lesen”.

Aber um “Crater XV” von Autor und Zeichner Kevin Cannon (dieser Name wäre ein großartiges Pseudonym ist aber echt!) wirklich genießen zu können, denkt man sich am besten in diese angeblich so gute alte Zeit zurück, weil Cannon irgendwie ziemlich “old school” ist. Während alle anderen gleichermaßen coole, wie gebrochene Helden erzählen, die in den Straßen für eine Gerechtigkeit von zweifelhafter Überzeugungskraft kämpfen oder andere Zeichner sich an ihrer grauenhaften Kindheit abarbeiten – beide gleichermaßen darum bemüht sich mit düsteren, verfleckten Bildern “street credibility” und Authentizität zu erarbeiten – geht es Cannon einfach nur um eines: Spaß!
Ist diese Charakterentwicklung logisch? Ist dieser Plottwist nachvollziehbar? Macht das alles überhaupt Sinn? Pfffft…!

Deswegen ist es auch herzlich egal, dass “Crater XV” eine Fortsetzung ist. Der Leser muß crater_xv-001_smalleigentlich nur eins wissen: Army Shanks ist ein verdammt harter Hund! Okay, irgendwie hat er sein letztes Abenteuer noch nicht ganz verdaut, aber selbst das mindert nicht den Ruf des ehemaligen Topagenten der Royal Canadian Arctic Navy (RCAN). Als dann ein junges Mädchen namens Wendy auftaucht, dass nach Europa fliegen möchte (Jupiters Mond, nicht unseren eher harmloser Kontinent – wir sind in einem “Comic”!) und zugleich in den Gewässern ein sibirischer Tanker auftaucht, von den eine angebliche Mondrakete starten soll, sind alle Zutaten für ein Army Shanks-Abenteuer beisammen: Damsels in Distress! Sibirische Piraten! Die RCAN im Kriegszustand! Mondraketen! Ein einarmiger Kapitän! Eine verlassene Mondbasis in der kanadischen Einöde! Entführte Kindheitsfreunde! Das amerikanische Militär! Waisenkinder! Eisbären!

Die Story springt so wild zwischen den verschiedenen Handlungssträngen hin und her, dass einem fast schwindlig wird. Dabei wird dem Leser schnell klar, dass Army Shanks eigentlich nur eine Nebenfigur in einem geopolitischen Spiel ist, in dem er – der desertierte Topagent – das Zünglein an der Waage darstellt. In diesem Machtspiel offenbart sich dann auch Cannons größte Stärke als Autor: Obwohl die Prämissen und das Szenario zeitweilig groteske Züge annehmen und man sich stellenweise einfach nur an den Kopf faßt aufgrund von Cannons “Comic”-Logik, im Kern nimmt er alle Figuren, ihre Ängste, Sorgen, Nöte und Hoffnungen erstaunlich ernst. So gelingt es ihm sogar ein vollkommen überraschendes Ende heraufzubeschwören, dass kein Auge trocken lassen sollte.

Dabei hat sich Cannons Stil seinen im Vorgängerband “Far Arden” erprobten Stil beibehalten: Cartooneske Figuren, die er mit immer gleichbleibendem schwarzen Strich auf das weiße Papier gebannt hat. Alles in aufgeräumten Panels im 3×2-Layout gehalten, von dem er nur für ein paar Panoramen und Establisher mal eine Ausnahme machen. Dabei zeigt Cannon nicht zuletzt mit den absurden Soundeffekten, die schon mal “Determine Wind Direction”, “Run around corner” oder “Surprise hug” lauten, wie selbstreflektiv er mit seinem Comic ein “Comic” macht.

Das zuerst digital, mit seinem ebenfalls im Comicgewerbe tätigen Bruder Zander (“Top Ten”) veröffentlichte “Crater XV” ist deswegen wie HipHop aus jener Zeit, als Comics noch “Comics” waren und es im HipHop vor allem immer noch darum ging einfach nur Spaß zu haben. Zu dieser Mischung der HipHop-Kultur gehörten damals auch Leute die eine coole Grafik gemacht haben, heiße Akteure auf der Tanzfläche, eine groovend vorgetragene Geschichte und ein tanzbarer Beat. Weniger sollte man von Kevin Cannons Arktischen Piraten-SciFi-Old School-HipHop auch nicht erwarten.

 

Kevin Cannon
Crater XV
Top Shelf
ISBN 978-1-60309-100-8

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