Graphic Novel – Zander Cannon, Heck

„Heck“ ist das Gegenstück zu dem bereits vor einiger Zeit hier rezensierten „Crater XV“. Vielfach wird davon ausgegangen, dass die Schöpfer dieser Werke, Zander und Kevin Cannon, Brüder wären, doch trotz des gemeinsamen Nachnamens und der inzwischen mehrfachen Zusammenarbeit teilen beide keinerlei Verwandtschaft. Dabei teilen beide einiges, nicht nur den Namen.

Von den beiden Cannons ist Zander dennoch sicherlich der bekanntere: Seit seinem unvollendet gebliebenen Debüt „The Replacement God“ ist er vor allem als Mitarbeiter von Comic-Legende Alan Moore bekannt geworden. Er war als Layouter, Co-Schöpfer und schließlich Zeichner über Jahre hinweg für die diversen Inkarnationen des „Superhelden als Polizisten“-Comics „Top Ten“ tätig.

Danach kamen verschiedene kleinere Projekte bei denen Zander und Kevin immer öfter zusammenarbeiteten, bevor sie mit einem gemeinsamen Studio und „Double Barrel“ schließlich ihre aktuelle Serien, quasi als „Double Feature“ in Comicform, zusammenführten. Erst nach dem Abschluß von „Double Barrel“ kamen beide Werke in ihrer heutige Form als eigenständige Graphic Novels heraus. Die Natur der Serie ist dabei nicht ganz unwichtig. Aber davon später mehr…

„Heck“ greift einige Themen von Zander Cannons vorherigen Werken wieder auf: Fantastisches und Alltägliches kollidieren, scheinbar übermenschliche Figuren werden mit Schuld und Sühne konfrontiert und das Göttliche ist gleichermaßen präsent, wie bedrohlich.
„Heck“ ist dabei der Spitzname der Hauptfigur Hector Hammarskjöld, dem heck_smallehemaligen Football-Star einer Kleinstadt, der allerdings mit seinem Leben nie auf der Überholspur ankam, auf der ihn immer alle sahen. Mit dem Tod seines Vaters, eines exzentrischen Magiers, dessen Tricks Heck schon lange nicht mehr ertragen konnte, kehrt er in seine Heimat zurück: Desillusioniert und abgestumpft. Das er nicht gleich wieder abreist, daran hindert ihn nur der Verkauf der väterlichen Villa und Amy. Er war schon immer in Amy heimlich verliebt, doch sie entschied sich stattdessen für den Star der gegnerischen Football-Mannschaft. Seine Liebe zu ihr blieb für Hector immer eine verpasste Chance. Aber spätestens als er zusammen mit dem nützlichen, aber ansonsten für ihn nervtötenden, einstigen Bewunderer Elliot das Haus ausräumt, hat Heck keinerlei Ambition mehr in dieser Stadt zu bleiben.

Dies ändert sich schlagartig als Heck und Elliot beim Aufräumen in dem Haus einen Eingang in die Hölle entdecken, im Englischen umgangssprachlich auch gerne als „Heck“ bezeichnet.

Einige Zeit später steht Amy vor Hectors Tür: Er hat ein Geschäft daraus gemacht hat den in der Hölle gefangenen Seelen der Verstorbenen Botschaften zu überbringen. Abgeklärt und desillusioniert wie er ist, ist er davon überzeugt, dass ihm die Trips dorthin nicht viel ausmachen. Dementsprechend zögert er nicht lange ihren Auftrag anzunehmen: Er soll ihren kürzlich bei einem Unfall ums Leben gekommenen Ehemann dort einen Brief überbringen. Dabei soll ihm der ihn inzwischen ständig begleitetende Elliot assistieren, obwohl dieser bei einem vorherigen Besuch der Hölle bereits übelst zugerichtet wurde. Hector zögert dennoch keinen Moment. Für Heck wird der Trip zu einer Konfrontation mit seinen schlimmsten Sünden, der ihn immer tiefer in die Kreise der Hölle hinabführt.

Bereits am Eingang der Hölle steht Dantes „Lasciate ogni speranza, voi ch’entrate!“ („Tritt ein und lass alle Hoffnung fahren“) und damit etabliert Cannon deutlich in welcher Tradition sein Hölle steht: Er lehnt sie stark an Dantes literarisches Vorbild an und bedient sich entsprechend stark bei der klassischen Mythologie, um sie zu bevölkern. Doch im Gegensatz zu Dante liegt ihm weniger an der Reflektion der Zeit, als vielmehr an der Reflektion einer Psyche. Diese Hölle ist eine sehr persönliche, deren Grenzen die Herausforderungen seiner Hauptfigur sind.

Dadurch liest sich „Heck“ eher wie ein Abenteuercomic und seine Hauptfigur ist bewußt als der archetypische amerikanische Pionier angelegt, der davon überzeugt, dass ihn nichts aufhalten kann. Da sich „Heck“ – ganz seiner ursprünglichen Seriennatur geschuldet – entsprechend flott liest, wird sicherlich manchem Leser dabei entgehen, wie nahe Cannon seiner Hauptfigur während dessen Reise kommt. Umso mehr überrascht dann das überaus konsequente Ende.

Dabei ist die Seriennatur wahrscheinlich auch der größte Nachteil von „Heck“: Cannon hat in seinen bisherigen Arbeiten bewiesen, dass er zu einem durchaus detailliert, wenn auch verschrobenen, ungelenken Stil fähig ist. In „Heck“ entledigt er sich desselben und beschränkt sich stattdessen auf geradezu holzschnittartige Figuren. Das tut der Geschichte sicherlich keinen Abbruch, zumal Cannon trotz der Beschränkung auf eine rein schwarz-weiße Tuschegestaltung an dramatischen Stellen zu beeindruckenden Licht- und Schattenspielen greift. Doch selbst für den amerikanischen Indie-Comic-Markt und besonders für einen etablierten Künstler wie Zander Cannon ist „Heck“ stilistisch auf das Notwendigste reduziert.

„Heck“ zeichnet sich allerdings darin aus, dass es niemals überambitioniert erscheint und entwickelt darin seine größte Stärke. Es ist eine Graphic Novel, die man vielleicht eher beiläufig nach dem ersten Lesen ins Regal stellt und schnell wieder vergißt. Doch wenn man sie dann doch wieder hervorzieht, wird man sich wundern, warum man „Heck“ solange nicht mehr in der Hand gehalten hat. Es gibt auf diesem Abstieg in die Hölle erstaunlich viel zu entdecken. Auch wenn es dafür vielleicht mehr als eine Tour benötigt.

 

Zander Cannon
Heck
Topshelf Comics
ISBN 978-1-60309-301-9

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