Graphic Novel – Samuel Delaney & Mia Wolff, Bread & Wine

Samuel Delaney ist ein Autor und Literaturdozent. Sein Ruf als Autor stützt sich auf futuristische Romane wie etwa „Babel 17“, „Nova, „Dhalgren“ und viele weitere. Doch tatsächlich ist es seine Rolle als Dozent, die „Bread & Wine“ leitet. Nicht nur seine Tätigkeit als Leiter der Literaturabteilung am College in Amherst bestimmt seine Schritte in dieser Graphic Novel, sondern es ist Hölderlins Elegie „Brod und Wein„, die ihren Titel vorgibt und die immer wieder zitiert wird.

bread_wine_smallFür jeden der nicht gerade Germanistik studiert hat wird „Brod und Wein“ sicherlich kein Begriff sein: Hölderlins elegisches Gedicht steht gleichermaßen für die Symbole des christlichen Abendmahls, wie auch für die Gaben der griechischen Götter Demeter und Dionysos, die den Menschen sowohl physisch als auf psychisch erfüllen. Vor allem ist das Gedicht aber ein Dokument der Romantik und Hölderlin einer ihrer führenden Vertreter.

Man mag dies als irrelevante Metaebene abtun, doch für einen Literaten wie Delaney sind dies die Ecksteine der autobiographischen Geschichte, die er in „Bread & Wine“ erzählt. Denn die Romantik durchzieht diese Graphic Novel. Delaney erzählt nichts anderes als seine Begegnung mit seinem Partner Dennis, den er um 1990 auf den Straßen von New York kennengelernt hat und mit dem er bis heute zusammenlebt. Es ist eine reine Zufallsbekanntschaft, doch ebenfalls eine, die mit Literatur zu tun hat.

Delaney begegnet Dennis, der als ein Obdachloser ein paar Dollars mit dem Verkauf von Büchern verdient, weil Delaney sich für eines davon interessiert. Man kommt ins Gespräch, man begegnet sich öfters, die Gespräche werden länger und intensiver. Nach einem ersten gemeinsamen Wochenende in einem Hotel, bei dem Dennis erst einmal den Schmutz seines Lebens als Obdachloser abwaschen muß, zögern beide ein gemeinsames Leben aufzubauen. Doch schließlich verlieren sie ihre Zurückhaltung und riskieren – trotz aller Unterschiede – ein gemeinsames Leben, das bis heute andauert.

Die Zusammenfassung signalisiert, dass man von „Bread & Wine“ keine komplexe Handlung erwarten kann. Tatsächlich war natürlich auch diese Werk ein Stück Literatur bevor es zu einer Graphic Novel wurde. Die Zeichnerin Mia Wolff hat versucht die assoziativen Ebene der Geschichte durch ebensolche Zeichnungen zu ergänzen, doch es dominiert die Textebene, die besonders in der zweiten Hälfte nicht selten den Großteil der Seite einnimmt. Ihre ausschließlich schwarz-weißen Tuschezeichnungen wirken dabei gleichermaßen authentisch, wie nicht selten ungelenk. Nein, Mia Wolff ist bestimmt keine herausragende Grafikerin: Viele Zeichnungen wirken als ob sie ohne jeden Bezug zueinander entstanden sind und sind dementsprechend unterschiedlich stark ausgearbeitet. Das stimmungsvolle, farbige Cover der Graphic Novel ist – leider – nicht charakteristisch für den Inhalt des Buches.

Was bleibt ist die im ersten Teil von „Bread & Wine“ erzählte Liebesgeschichte zwischen zwei sehr ungleichen Männern, die ihre eigene Skepsis überwinden müssen, um zueinander zu finden. In der zweiten Hälfte der „Graphic Novel“ verliert sich die Geschichte und einmal mehr zeigt sich, warum die meisten Liebesgeschichten mit dem Finden der Liebenden enden: Während alle Menschen Unglück kennen und damit auch wiedererkennen und mitfühlen können, ist das Glück zutiefst individuell, nicht zuletzt darin ob man die Geborgenheit und Freude in einem bestimmten künstlerischen Werke mitfühlen kann oder nicht. Dies war das, worum sich Romantiker wie Hölderlin einst bemühten und deren Tradition sich Delaney sich verpflichtet fühlt.

 

Samuel Delaney & Mia Wolff
Bread & Wine
Fantagraphic Books
ISBN 978-9-60600-632-4

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