Graphic Novel – Benjamin Read & Chris Wildgoose, Porcelain

Eine große Stadt im viktorianischen Zeitalter: Hohe Mauern schützen die Reichen und Mächtigen der Stadt vor dem Elend, das in den Straßen herrscht. Dort versuchen obdachlose Kinder einfach nur etwas zu finden, um nicht noch eine Nacht mit hungrigem Magen zu verbringen. Das ist die Motivation, die ein kleines Mädchen gegen ihren Willen dazu treibt über eine hohe Mauer zu klettern um für ihre Bande etwas zu klauen. Doch einmal über der Mauer findet sie sich in einem isolierten Anwesen wieder, wo es auf merkwürdige Porzellanwesen und ihren alten vereinsamten Erschaffer trifft.

Nach anfänglichen Mißtrauen entwickelt sich schnell Zuneigung zwischen den beiden Außenseitern: Das kleine Mädchen bringt wieder Freude in das Leben des vereinsamten Mannes, der ihr im Gegenzug ein Zuhause bietet und sie in sein Metier einweiht. Er ist ein Alchemist, der – nach dem Tod seiner Frau – sich der Erschaffung von handelndem und denkenden Porzellanwesen verschrieben hat. Mit ihnen bevölkert er sein Haus. Das Mädchen ist fasziniert und findet zum ersten Mal so etwas wie Geborgenheit. Er erschafft für sie sogar einen Porzellangarten mit sprechenden Vögeln und lebenden Bäumen. Doch auch wenn er sie in seine Geheimnisse einweiht – ein Versprechen nimmt er ihr ab: Sie darf niemals die große Tür in seiner Werkstatt öffnen. Niemals…

porcelain_smallDie Macher von „Porcelain“ sind zwei versierte Kreative aus der zweiten Reihe der Comicschöpfer. Bisher vor allem mit Lizenzcomics beschäftigt gewesen, habe sich Autor Benjamin Read und Zeichner Chris Wildgoose mit einigen anderen Kollegen zusammengetan, um unter dem Namen „Improper Books“ eigene Werke zu schaffen. Ihr erstes Werk „Porcelain“ ist dabei zu gleichen Teilen „König Blaubart“ und Oscar Wildes „Der selbstsüchtige Riese„. Es versucht diese Herkunft auch kaum zu verschleiern. Die Erzählung entwirft stattdessen ihr eigenen Kulissen in denen sich die eigentlich bekannte Geschichte abspielt. Wie bei einer Aufführung eines Klassikers sollte man deshalb nicht erwarten, dass man überrascht wird. Es ist die Ausführung auf die man achten sollte und hier gelingt Read und vor allem Zeichner Wildgoose jene Form von stilistischer Perfektion, die man sonst eher in einem aufwändigen Mainstreamcomic erwarten würde. Dies soll in diesem Fall bestimmt nicht abschätzig gemeint sein. Im Gegenteil.

Die Seiten haben ein sehr hohes Maß an Eleganz. Die erste Seite, die Ansicht einer winterlichen viktorianischen Stadt ist ausgesprochen atmosphärisch und etabliert ein Gefühl von einer Großzügigkeit des Raumes, die Wildgoose später weiter zu nutzen versteht. Die einzelnen Panels präsentieren sich extrem aufgeräumt, die Figuren und die Details des Dekors haben Raum um zu wirken. Manchmal herrscht ein geradezu bewußter Minimalismus im Bild, der nicht mit mangelnden Detailgenauigkeit verwechselt werden sollte. Dies bemerkt man vor allem an der pseudo-viktorianische Architektur irgendwo zwischen Jugendstil und Klassizismus die dezent in jedem Bild zum Tragen kommt und ganz nebenbei in jedem Bild ein Gefühl für eine Epoche etabliert.

Zudem läßt Wildgooses sehr feiner Strich, der darauf hindeutet, dass hier ein Format deutlich größer angelegt und kleiner reproduziert wurde, den Farbflächen großen Raum, die mit ihren gedeckten Tönen mehr auf eine atmosphärische Wirkung als auf den Effekt setzen. Die künstlerische Gestaltung geht hier deutlich mit den Themen der Graphic Novel – dem Porzellan und seiner Verarbeitung – einher: Auch die Bilder haben eine filigrane, geradezu zerbrechliche Natur.

„Porcelain“ ist deswegen möglicherweise am ehesten ein Comic für Bewunderer stilistischer Perfektion, denn „Procelain“ besitzt soviel Stil, dass es eine sehr viktorianische Art des Understatements benötigt, um damit viele andere Comics nicht zu beschämen.

 

Benjamin Read & Chris Wildgoose
Porcelain
Improper Books
ISBN 978-1-4474-6131-9

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