Graphic Novel – Miguelanxo Prado, Ardalén

Sabela ist eine Frau auf der Suche nach sich selber. Ihr Leben ist nach Scheidung und Kündigung zusammengebrochen. In dem kleinen Bergdorf ihrer Vorfahren sucht sie nach den Spuren ihres Großvaters, der einst zur See gefahren, aber nie zurückgekehrt ist. Dabei stößt sie auf Fidel, einen wunderlichen alten Mann, der alleine ein einsames Haus oberhalb des Dorfes bewohnt. Die Dorfbewohner behaupten, dass Fidel einst auch zur See gefahren ist und ein Kamerad ihres Großvaters gewesen sein kann.

Doch Sabela muß schnell feststellen, dass Fidels Erinnerungen nicht so funktionieren, wie bei anderen Menschen. Er wird heimgesucht: Von einem Mann, der ihn einst vor dem Ertrinken gerettet hat; von einer Prostituierten aus Havanna, mit der er zusammengelebt hat und von einer Fee mit einer magischen Muschel. Spätestens als er Sabela davon erzählt, dass mit dem Wind der vom Meer kommt, dem Ardalén, auch die Walen sich aus dem Eukalyptushain erheben, muß Sabela erkennen, dass ihre Hoffnungen, dass Fidel sich an ihren Großvater erinnern könnte, sich nicht erfüllen lassen. Doch zu diesem Zeitpunkt sind sich die Bewohner des Dorfes schon längst einig, dass Sabela sich nur an Fidel heranmacht, um an dessen Erbe zu gelangen…

Doch es greift zu kurz die Handlung von „Ardalén“ in eine lineare Zusammenfassung zu pressen, denn die Graphic Novel von Miguelanxo Prado ist eine Spurensuche. Nicht nur Fidels Gedächtnis ist trügerisch, es sind auch die Kommentare der Dorfbewohner und die Dokumente, die zwischen den Seiten immer wieder auftauchen und zitiert werden. Viele der Rückblicke in die ferne Vergangenheit, die ebenfalls zu finden sind, erklären sich sogar erst ganz zum Schluß.

ardalen_smallPrado macht es dem Leser nicht einfach, doch das Suchenende seiner Figuren, ihr Bemühen sich eine Identität aus den Fragmenten ihres eigenen Lebens und dem von anderen zusammenzusetzen, findet sich in der Gestaltung der Seiten wieder. Dabei stehen Prados farbenfrohe Zeichnungen aus unzähligen, sich überlappenden Kreidestrichen in hartem Kontrast zu den nüchternen Dokumente die dazwischen immer wieder auftauchen. Auf der einen Seite ein Leben, dass sich aus Unsicherheiten und verschwimmenden Formen zusammensetzt, auf der anderen Seite die harte (und dennoch trügerische!) Sprache und Form von Dokumenten. Dennoch bleibt Prado in seiner Gestaltung sehr klassisch: Anstatt Kollagen zu verwenden, stehen die beiden Elemente in Kontrast zueinandern. Auf der einen Seite die klassisch erzählte Comicgeschichte, in einem kantigen vollseitigem Layout; auf der anderen Seite die Dokumente, mal als rein textliche Wiedergabe, mal als imitiertes Bild eines angeblichen Originals präsentiert werden.

Das der Spanier Prado, als ein europäischer Comicveteran, sich dabei selber zitiert fällt wahrscheinlich nur dem Kenner auf. Bereits in seinem Werk „Trazo de Tiza/Trait de craie“ von 1993, dass ihm den internationalen Durchbruch verschafft hat, behandelte er ähnliche Themen. Natürlich ist ein gewisser Hang zu Surrealismus und magischem Realismus in seinem Werk nie fern. Vielmehr scheint Fidel als Figur allerdings ein Bewohner derselben Welt wie in „Trazo de Tiza/Trait de craie“ zu sein, vor allem da in beiden Geschichten die Seefahrt eine große Rolle spielt, auch wenn es sich bei „Ardalén“ nicht im Geringsten um eine Fortsetzung handelt.

Miguelanxo Prados Werk ist eine jener Graphic Novels mit denen man absolut nichts falsch machen kann: Er ist auf der Höhe seiner Kunst, die Gestaltung ist hervorragend bis atemberaubend. Gerade in den „magischen Momenten“ der Handlung, wenn sich Fidel in den Bildern seiner Erinnerung verliert, beschwört Prado eine Welt von surrealer Schönheit herauf, die – mehr als jede Dialogzeile – den friedlichen Gleichmut von Fidel erklärt. Diese Bilder formen in „Ardalén“ eine leise Geschichte in der es um persönliche Schicksale und eben vor allem auch dahinter um Fragen nach der Erinnerung und der sich daraus bildenden Identität geht.

 

Miguelanxo Prado
Ardalén
Ehapa Comics
ISBN 978-3-7704-3695-8

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