Graphic Novel – Sean Murphy, Punk Rock Jesus

Chris ist ein Klon. Seine DNA stammt angeblich vom Turiner Grabtuch; sein Embryo wird von einer Nobelpreis-verdächtigen Wissenschaftlerin erzeugt; seine Mutter ist eine Jungfrau, die in einer TV-Show ausgewählt wurde. Nichts ist dem Zufall überlassen, denn Chris ist nicht nur der neue Jesus, sondern vor allem der Star einer weltweit ausgestrahlten Fernsehsendung. Vor dem TV-Studio, dass gleichermaßen futuristischer Wohnkomplex, wie auch Gefängnis ist, wüten fundamentalistische Christen, die Chris mal als Heiland bejubeln, mal als Sakrileg verdammen. Aber an dem Erfolg des Experiments gibt es keinen Zweifel.

Das Problem ist bloß, dass nicht alles so läuft wie es sich der über allem stehende TV-Produzent Slate sich das so vorstellt. Für ihn sind Wissenschaftlerin, Mutter und Sohn bestenfalls Puppen in seiner Inszenierung. Vor allem der Sicherheitschef Thomas, Ex-IRA-Terrorist und gläubiger Katholik, ist gleichermaßen effektiv, wie selber auch ein Risiko, denn ihm fehlt Slates Skrupellosigkeit. In seinem Schatten versuchen sowohl Chris‘ Mutter, wie auch Chris selber einen Ausweg aus dem religiös verbrämten Fernsehkommerz zu finden. Während um ihn herum Slates Gier immer mehr Opfer fordert, beginnt Chris schließlich zu rebellieren und sein Mittel der Wahl ist Punkrock.

„Punk Rock Jesus“ läßt bereits auf den ersten Seiten keinen Zweifel daran, wohin die Reise geht: Da sitzt eine Familie betend am Tisch und im nächsten Moment reißt der Familienvater ein überdimensioniertes Maschinengewehr hervor. Ein Feuergefecht später liegt die Familie bis auf den Sohn in ihrem eigenen Blut und der Weg jenes Sohnes zum IRA-Attentäter ist vorgezeichnet.

Autor und Zeichner Sean Murphy malt mit dem ganz dicken Strich und wann immer möglich verwandelt er das häuslich-futuristische Dekor des TV-Studios (das geradezu zwangsläufig an „The Truman Show“ erinnert) in eine Bühne für Action. Den Figuren mangelt es an Tiefe, aber dafür schillern sie umso mehr in grellen Farben: Slate diabolische Selbstinszenierung, die hilflose Unschuld von Chris‘ Mutter, die selektive Blindheit der Wissenschaftlerin Rebekah, das Getriebene des Professional-Bad-Ass Thomas.

punkrockjesus_smallDabei verzichtet Sean Murphy’s ursprünglich bei Vertigo als Miniserie erschienes „Punk Rock Jesus“ gänzlich auf Farben. Stattdessen herrscht ein überdetailliertes, mit Schattierungen zusätzlich verstärktes Schwarz-Weiß, dass er überaus bewußt einsetzt. Mal scheinen sich die in einem unvorhersehbaren Layout arrangierten Bilder in Weiß zu verlieren, mal rückt er alles in unübersichtlichen, düsten Panoramen dramatisch näher zusammen. Zusammen mit den ständigen Perspektivwechsel, Schattenspielen und Tuschespritzern demonstriert Murphy warum er gerne für Superheldencomics („Hellblazer“, „Batman/Scarecrow“) engagiert wird. Keine Seite ähnelt der anderen und selbst Dialogsituation lädt er durch suggestive Bilder mit Spannung auf.

Es ist diese Mischung, die „Punk Rock Jesus“ davon abhält, dass man sich an den manchmal doch arg einfachen und durchschaubaren Figuren und Metaphern der Geschichte zu lange aufhält. Stattdessen wird der Leser geradezu auf die nächste Seite getrieben, bloß um auch dort gleich mit wieder mit einer neuen Entwicklung oder einem Flashback in Thomas‘ Vergangenheit zurückzuspringen.

Denn Murphy ist vor allem klug genug diese Geschichte trotz ihrer klaren Anlage nicht bloß nur zu einer Show über einen kommerziellen Jesus-Klon zu machen, sondern in Thomas auch die Frage nach dem Ursprung und dem Sinn von Glauben zu stellen. Sean Murphy weiß was er tut und vor allem kommt dazu, dass – wie bei Punk Rock auch – zwar nicht immer alles sonderlich überraschend ist, aber es ist immer ordentlich Druck drauf.

 

Sean Murphy
Punk Rock Jesus
DC/Vertigo
ISBN 978-1-4012-3768-4

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