Graphic Novel – Greg Ruth, The Lost Boy

Unter den alten Dielen findet sich ein noch älteres Tonbangerät. Als Nate es zum ersten Mal in den Händen hält, weiß er bereits, dass es damit etwas Besonderes auf sich hat. Nicht nur deswegen, weil er sieht, wie Tabitha darauf reagiert, dass Mädchen neben denen Nate und seine Familie gerade erst eingezogen sind. Das Tonbandgerät verbirgt die Aufzeichnungen von Walt, einem Jungen, der irgendwann in den 50ern spurlos verschwunden ist. Walt erzählt auf den Tonbändern davon wie er den Buglings und dem Buttonfolk begegnet ist, die im Wald am Stadtrand leben. Die Geschichte läßt einige Erklärungen offen: Von was für einem Schlüssel ist die Rede? Was ist The Kingdom?

Doch Walts Suche und damit auch die Tonbänder enden abrupt, nachdem niemand außer dem merkwürdigen Barbesitzer Haloran ihm glauben will. Als Nate und Tabitha allerdings von einem Baum angegriffen werden, wird ihnen klar, dass Walts merkwürdige Suche noch nicht vorüber ist. Vor allem wäre da noch Baron Tick, das sprechende Eichhörnchen Pettibone und die sprechende Puppe Tom Button, die plötzlich in ihren Leben auftaucht. Bevor sie es sich versehen, bleibt ihnen gar keine andere Wahl als den Kampf erneut den Kampf gegen die Schatten und ihren Agenten Vespertine aufzunehmen., die bereits für Walts Verschwinden verantwortlich waren.

„The Lost Boy“ trägt sein inhaltlichen Vorbilder mit Stolz vor sich her: „The Goonies“, „Narnia“, die Bücher von Neil Gaiman,… Es sind fast zuviele, um sie aufzuzählen. Die Graphic Novel ordnet sich nahtlos ein in die Abenteuergeschichten von Kindern, die einem Feenvolk begegnen und diese vor einer unheimlichen Bedrohung retten müssen. Was „The Lost Boy“ aus der Masse ähnlich gelagerter Bücher und Comics hervorstechen läßt ist nicht zuletzt sein Macher: Greg Ruth ist Cover Artist für die DC-Reihe „Fables“, Illustrator von „Matrix“- und „Conan“-Comics, ebenso wie für ein Kinderbuch mit Texten von Barack Obama, Zeichnungen zu einer Neuedition des Samuraiklassikers „Zatoishi“ und und und… Er ist also äußerst gut im Geschäft.

Dies liegt natürlich nicht zuletzt an seinem Stil und seiner Technik.
Die klassisch amerikanische Comic-Zutat Tusche bleibt bei ihm außen vor, oder taucht bestenfalls möglicherweise in verdünnter Form auf. Wahrscheinlicher ist es allerdings, dass es sich um Aquarell handelt mit denen Ruth seine Mischtechnik aus Graphit und Kreide noch weitere Schattierungen hinzufügt. Obwohl „The Lost Boy“ in Schwarz-Weiß gehalten ist, wirkt es deshalb wie gemalt und teilweise geradezu fotorealistisch. Seine Charaktere wirken geradezu wie Porträts, allerdings besitzt Ruth das Gespür sie nicht in Posen erstarren zu lassen und ebenso die spannendsten Blickwinkel zu finden. Die Panels sind so nicht nur atmosphärisch dicht, sondern vor allem auch extrem dynamisch. Ruth beweist immer wieder wie sehr ein einzelner, haargenau platzierter, weicher Pinselstrich mehr vermitteln kann, als eine detaillierte Ausarbeitung. Es wird schwerfallen einen Künstler zu finden, der dies derzeit noch besser beherrscht als Greg Ruth, der offensichtlich die alten Meister der Illustration vollkommen verinnerlicht hat.

Man sollte den Inhalt von „The Lost Boy“ deswegen nicht unterschätzen: Die Geschichte ist gut erzählt, spannend, besitzt lebensechte Figuren, wenn sie auch wegen ihrer deutlich zu erkennenden Vorbilder allerdings nur bedingt originell ist. Was „The Lost Boy“ allerdings eben hervorstechen läßt ist Ruths künstlerischer Anspruch an sein Werk, dass ansonsten sicherlich wenig beachtet irgendwo bei den „Comics for all ages“ gelandet wäre. So ist es ein Comic geworden, bei dem man sich manchmal doch überlegen muß, ob seine kraftvollen, nicht selten dunklen Bilder mit Andeutungen von Grausamkeiten des amerikanischen Suburbia und untergegangener Kulturen nicht vielleicht doch zu düster für junge Leser sein mag.

Zwar ist Ruth mit der Veröffentlichung von „The Lost Boy“ zu spät für die diesjährigen Eisner-Awards, den großen amerikanischen Comicpreis. Aber es wäre sicherlich nicht überraschend das Buch 2014 unter den Nominierten und vielleicht auch den Gewinnern zu finden.

 

Greg Ruth
The Lost Boy
Scholastic/Graphix
ISBN 978-0-439-82332-6

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