Graphic Novel – Pierre Dragon & Frederik Peeters, RG – Verdeckter Einsatz in Paris

„RG“ ist kein Krimi. Die meisten Lesers dieses erstmals 2009 erschienen Comics machen sicherlich den leicht verständlichen Fehler genau das zu erwarten, weil „RG“ auf den ersten Blick alle Kriterien erfüllt, die einen Krimi auszeichnen: Polizisten, verdeckte Ermittlungen, illegale Geschäfte, das FBI, die französischen Geheimdienste, illegale Einwanderer, Verschwörungen bis in höchste politische Etagen…

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Und doch erzählt „RG“ wohl am ehesten nur aus dem Arbeitsalltag eines Mannes. Dieser Mann ist Pierre Dragon und Szenarist von „RG“ und zufälligerweise steht das für „Renseignements générals“, der Ermittlungseinheit der Pariser Polizei, die sich (im ersten Band) gerade mit gefälschten Markenklamotten beschäftigen. Doch wie immer ist nicht alles so wie es scheint: Dragons Ermittlungen und die seiner Kollegen – die sich in einer Arztpraxis eingemietet haben, um von dort aus ein gegenüberliegendes Geschäft zu beobachten – stoßen schnell auf ein kriminelles Netzwerk, dass Paris mit dem Orient verbindet.

Doch es erfordert keine wilden Verfolgungsjagden, keine Schießereien und keine forensischen Untersuchungen, die zum Erfolg führen. Dragon ist ein Ermittler, der Leute zum Reden bringt. Mal dreist, mal charmant und dann wieder aufdringlich und mit schier endlosem Chuzpe ausgestattet, bringt er die Zeugen, Verdächtige und sonstige Quellen gleichermaßen zum Sprechen. Die Handlung von „RG“ besteht darin einem professionellen Ausquetscher bei der Arbeit zuzusehen und dass ist nicht selten wesentlich spannender als die x-te Wiederholung üblicher Krimiklischees.

Dass dies nicht langweilig wird, ist – neben Dragons Erzählung – sicherlich vor allem rg2Frederik Peeters zu verdanken. Der Schweizer Comickünstler hat sich mit „Blaue Pillen“ und „Lupus“ einen Ruf als genauer Beobachter erworben und das in Angoulème ausgezeichnete „RG“ beweist wieder warum das so ist: Seine Hauptfigur wird zu seinem genausten Studienobjekt, dem er mit seinem stark stilisierten Zeichenstil naherückt. Bei ihm ist Dragon grobschlächtig, manchmals geradezu unsympathisch in seiner körperlichen Präsenz. Doch Dragon dominiert jedes Panel und genau so kommentiert Peeters die Bedeutung seines Partners vielleicht besser als es jedes Vorwort tun könnte.

Dragon ist ein Selbstdarsteller und zugleich ein unzuverlässiger Erzähler. Was kann man einem Polizisten eigentlich überhaupt glauben, wenn dieser freimütig einem Comiczeichner von seinem Arbeitsalltag erzählt, der daraus besteht die Menschen um sich herum zu manipulieren?

Die zwei Bände von RG „Riad an der Seine“ und „Bangkok – Belleville“ sind eigentlich Meta-Krimis, weil sie die Behauptung des Krimis auf den Kopf stellen: Hier wird nichts aufgeklärt, hier wird einfach nur etwas dargestellt was vielleicht so irgendwo existiert oder vielleicht auch nicht. Auf jeden Fall können wir daran aber nur teilhaben, weil Pierre Dragon uns davon erzählt.

 

Pierre Dragon & Frederik Peeters
RG – Riad an der Seine
Carlsen
ISBN 978-3551777874

RG – Bangkok – Belleville
ISBN 978-3551778093

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