Graphic Novel – Frederik Peeters, Aâma

Wie ein Lavadom ragt die rauchende Steinkuppe über die staubig leere Landschaft heraus. Darauf erwacht Verloc Nim, ohne Gedächtnis und vor allem ohne Orientierung. Als kurz darauf der Roboter Churchill erscheint und ihm ein Tagebuch übergibt, muß Verloc sich erst einmal in seinem eigenen Leben orientieren: Ein Leben in dem er sowohl seine Frau, wie auch seine Tochter und mit seinem Laden für höchst wertvolle antiquarische Bücher auch seinen Lebensunterhalt verloren hat. Als ihn sein Karriere-bewußter Bruder Conrad in der Straße aufsammelt, gibt es nichts was Verloc daran hindern würde sich mit ihm auf eine Reise zu begeben…

Bis hierhin könnte man „Aâma“ für ein Drama halten, doch Autor und Zeichner hat anderes vor: Wir befinden uns nämlich in einer fernen Zukunft und Verloc reist mit seinem Bruder zu dem Planeten Ona(ji) auf dem eine Gruppe von Wissenschaftlern seit Jahren ohne Kontakt mit der Außenwelt gestrandet ist. Und spätestens als die Reisenden dort ankommen, zeichnet sich ab, dass die Reise alles andere als die Routine ist, als die sie Conrad gerne ausgeben möchte. Roboter haben die Wissenschaftler in ihrer Station angegriffen, die Überlebenden sich in verfeindete Lager aufgespalten und dazwischen steht ein Mädchen, dass die perfekte Kopie von Verlocs Tochter Lilja zu sein scheint. Mit der einzigen Ausnahme, dass Lilja niemals ihren Heimatplaneten verlassen hat und es auch nie Kinder auf Ona(ji) gab. Verloc ahnt, dass er nicht aus Zufall auf dem Planeten gelandet ist…

Bereits in seiner Comicreihe „Lupus“ hatte der Frankoschweizer Frederik Peeters („Blaue Pillen„, „RG„) die Science-Fiction für sich entdeckt gehabt. Nicht als Sehnsuchtsort oder als Abenteuerspielplatz, sondern als Reflektionsort für seine im Weltraum verlorenen Helden und „Aâma“ knüpft nahtlos daran an. Verloc ist verloren und das Comic durchzogen von seinen Erinnerungen an die privaten Ereignisse und die Katastrophen seines Lebens, die ihn nach Ona(ji) geführt haben. Dabei schwingt in der gesamten Geschichte die Atmosphäre großer Vorbilder mit. Es ist sicherlich nicht falsch Stanislaw Lem, sowie Tarkowskis Verfilmung des Lem-Romans „Solaris“ zwischen den Zeilen zu entdecken; ebenso wenig wie den Einfluß von Moebius und jenen, die Moebius in die psychedelischen Comic-Universen der 70er gefolgt sind.

Dabei muß dazu gesagt werden, dass Peeters‘ Stil sich seit seinen letzten aama_smallVeröffentlichungen verändert hat. Oder aber die Veränderung ist der Tatsache zu verdanken, dass „Aâma“ ursprünglich bei einem der großen französischen Comicverlage erschienen ist. Auf jeden Fall ist von Peeters‘ bisheriger dynamischer, aber stilistischer Tuschearbeit nicht mehr viel zu finden. „Aâma“ ist durchgehend mit feinen Strichen gezeichnet worden, die Figuren sind realistischer, der Farbraum ist mit einer reduzierten Palette und wenig Schattierungen flach und unnahbar. Vielfach wirken die in einem sehr klassischen Layout arrangierten Panels deswegen wie Standbilder eines atmosphärischen Science-Fiction-Films, dessen langsames Tempo einen gleichmäßigen Fluß erzeugt.

Denn trotz der fremden Umgebung interessiert sich Peeters immer noch am meisten für die Menschen in seiner Geschichte. Die Mehrheit der Panels beschäftigt sich mit deren Gesichtern, Action ist ein Nebengedanke, der fast nur beiläufig auftaucht: Man befindet sich eben im Weltraum, Attacken von Robotern… so etwas ereignet sich dort schon manchmal. Das „Aâma“ trotzdem nicht langweilig wird, liegt aber eben daran, dass die Spurensuche von Verloc und seine Interaktion mit seinen Mitmenschen das Interessante sind. Was treibt ihn dorthin? Warum befindet er sich auf Ona(ji) und was ist dieses Aâma eigentlich?

Die neue Serie von Frederik Peeters ist mehr ein psychologischer Krimi als Science-Fiction und da Peeters schon mehrfach bewiesen hat, dass er sich damit auskennt, ist auch von dieser Serie einiges zu erwarten. Am Ende des Buches läuft Verloc lesend durch eine Wüste und als er neugierig seine Hand auf den Sand zu seinen Füßen legt, ereignet sich etwas Unwirkliches. Dennoch ist der Leser nicht überrascht: Solche Dinge geschehen in Verlocs Welt und Peeters nimmt uns dorthin mit.

 

Frederik Peeters
Aâma 1 – Der Geruch von heißem Staub
Reprodukt
ISBN 978-3-943143-78-2

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