Graphic Novel – Sara Ryan & Carla Speed McNeil, Bad Houses

Lewis und Anne stehen im Schatten ihrer Mütter: Lewis‘ Mutter hat ihn längst zu ihrem Nachfolger als Betreiberin eines Geschäfts für Nachlassverkäufe gemacht (auch wenn sie nie mit ihm zufrieden ist) und Anne muß sich gegen die Übergriffigkeit ihrer alles sammelnden Mutter erwehren, die langsam auch in ihr klar abgeschirmtes Leben einzudringen droht. Zwei normale Teenager am Übergang ins Erwachsenendasein, deren gemeinsamer Weg vorgezeichnet zu sein scheint.

bad_houses_smallDoch Lewis und Anne sind nur zwei Figuren, in der eher tristen Kleinstadt in Oregon, in der sich „Bad Houses“ abspielt. Ihre Mütter sind genauso wichtig im Laufe der Geschichte: Beide haben die Väter ihrer Kinder längst verloren. Der eine ist gestorben, der andere hat sich aus dem Staub gemacht und seine schwangere Freundin sitzengelassen. Und beide haben auch ihrer Verehrer: Der eine ein mittelalter Tunichtgut, der andere so unauffällig, dass seine Entlarvung einen nicht unerheblichen Teil der Geschichte ausmacht.

Und dann wären da noch die „Bad Houses“: Häuser mit den Hinterlassenschaften von Toten oder Verschwundenen, mit Emotionen aufgeladene Orte und Objekte. Ramsch für den einen, wertvolle Handelsware für andere. Vor allem aber eine Zustandsbeschreibung für den Ort an dem sich die Protagonisten der Geschichte am Anfang dieser erzählerischen Inventur befinden.

Nein, „Bad Houses“ ist kein normales Comic. Es ist eine Graphic Novel im besten Sinne des Wortes. Für Comics wie „Bad Houses“ wurde der Begriff ursprünglich auch erfunden, auch wenn er inzwischen inflationär auf jede Bildergeschichte angewandt wird. Dies liegt nicht zuletzt an der Szenaristin Sara Ryan, die eigentlich Romanautorin ist und mit diesem Band zum ersten Mal an einem längeren Comic mitarbeitet. Dementsprechend wenig hält sie sich an die klassischen Erwartungen der Leser: Ihre Geschichte ist facettenreich, widmet sich mal der einen, mal der anderen Figur und tut dies auch in unterschiedlichsten Tonfällen, von der neutral-distanzierten Beschreibung, bis zu inneren Monologen.

Dies hätte sicherlich leicht schief gehen können, wenn Sara Ryan nicht die Comicveteranin Carla Speed McNeil („Finder„) zur Seite stünde: McNeils Stil ist gleichermaßen unaufdringlich, wie präzise. Sie akzentuiert, nuanciert und kontrastiert die Textblöcke mit den Figuren, deren Mimik und Gestik nicht selten mehr über sie verraten als die dazugehörigen Texte. Graphisch wenig spektakulär und in sehr klassischem Layout nehmen sich die Zeichnungen gegenüber dem Text zurück, was sich hier zu einer angenehm lesenbaren Melange wird, in der die beiden Macherinnen sich gegenseitig ergänzen ohne miteinander zu konkurrieren.

„Bad Houses“ wirkt wie die Vorlage für einen amerikanischen Indy-Film: Eine amerikanische Kleinstadt, ein verliebtes junges Pärchen, deren desillusionierte Mütter, deren Verehrer und schicksalhafte Verbindungen, die alle miteinander verbinden. Es ist ein Comic, dass so wenig ein Comic ist, dass man fast einen anderen Namen dafür benötigen könnte. Wie gut, dass wir bereits einen haben: Graphic Novel.

 

Sara Ryan & Carla Speed McNeil
Bad Houses
Dark Horse
ISBN 978-1-598582-993-1

Kategorien Blog | tagged , , , | Bookmark permalink

Kommentare sind geschlossen.

  • Glossar
    Das wilde Dutzend Verlag
  • Facebook
  • Kontakt
    Das wilde Dutzend Verlag
    Hagenauerstr. 2
    D-10435 Berlin
    fon: 030 28 88 31 99
  • Google+
  • Newsletter
    Monatliche News aus Berlin
    * indicates required
  • Adeles Salon
    Das wilde Dutzend Verlag
  • Tagcloud