Graphic Novel – Kazuo Kamimura, La plaine du Kantô

Der 1986 verstorbene Manga-Zeichner Kazuo Kamimura kommt langsam, Schritt für Schritt, im westlichen Ausland an. Zuerst war es „Lady Snowblood„, das zusammen mit dem Szenaristen Kazuo Koike geschaffene Rachedrama, das nicht zuletzt durch Quentin Tarantino (der sich davon für „Kill Bill“ inspirieren ließ) Aufmerksamkeit bekam. Inzwischen finden die Verlage aber immer mehr Interesse an Kamimuras Werk. In Deutschland hat sich Carlsen der Kamimura-Serien „Shinanogawa“ und „Furious Love„, in Frankreich hat sich der Verlag seinem Werk angenommen. Zwischen der Veröffentlichungen bei Kana ragt „La plaine de Kantô“ („Die Kanto-Ebene“) hervor, sein semi-autobiographisches Gekiga.

Gekiga war eine eine in den späten 60ern entstandene Gegenbewegung gegen das vielfach als infantil wahrgenommene Mainstream-Manga. Eine Geschichte der Gekiga-Bewegung findet sich in der Autobiographie von Kamimuras Zeitgenossen und Kollegen Yoshihiro Tatsumi, „Gegen den Strom“ (ebenfalls bei Carlsen). Als Kamimura mit „Lady Snowblood“ in den frühen 70ern sein kommerzieller Durchbruch gelang, positionierte er sich inhaltlich und stilistisch sofort innerhalb des Gekiga: Beeinflußt von den Holzschnitten des Ukiyo-e und fasziniert von Themen, die viele Menschen als abgründig beschreiben würden, war Kamimura inhaltlich – trotz seines erstaunlich produktiven Lebens und großen Lobs – ein künstlerischer Außenseiter.

Dementsprechend angelegt ist auch „La plaine du Kantô“ in dem sich Fiktion und Realität mischen. Wieviel tatsächlich Geschichte und wieviel Fiktion ist, darüber kann man nur spekulieren, aber die Fiktion ist zum Teil auch ein Schutz des Autoren, denn der Inhalt der Serie ist für viele Leser sicherlich skandalös.

Dabei beginnt die Geschichte scheinbar unverfänglich: Wie die andere große Manga-plaine_du_kanto_smallBiographien der 70er (am bekanntesten bei uns ist sicherlich „Barfuss durch Hiroshima“ von Keiji Nakazawa) handelt auch Kamimuras Serie von einer Kindheit in der Nachkriegszeit. Die Handlung beginnt mit der Kapitulation Japans, die zuerst nur wenige Auswirkungen auf die Bewohner der Kanto-Ebene zu haben scheint. Hier – unweit von Tokyo – liegt die Reiskammer des Landes und trotz des Krieges ist das Leben hier wenig von Bomben und Entbehrung geprägt. Der 6jährige Kinta lebt hier nach dem Tod seiner Eltern bei seinem Großvater, der als bekannter Schriftsteller zu den Honorationen eines der vielen kleinen Dörfer der Kanto-Ebene gehört.

Während die Dorfbewohner noch mit der Erkenntnis der Niederlage und der Bedeutung der Besatzung ringen, trifft Kinta auf das merkwürdige Mädchen Ginko, als deren Mutter in einem benachbarten Reisspeicher Unterkunft findet. Ginko entpuppt sich nicht nur als Junge, sondern auch als gerissene Intrigantin, die sich einen Platz am Tisch ihres reichen Onkels erstreitet nachdem dieser ihre Mutter im sexuellen Rausch umgebracht hat. Ginko wird zu Kintas ständiger Begleiterin und die beiden Kinder sind faszinierte Beobachter einer Welt im Umbruch, vor allem aber auch einer Welt deren sexuelle Spannung direkt unterhalb der Oberfläche liegt und bei jeder Gelegenheit an die Oberfläche platzt, wenn die Kinder ihrer Neugier nachgehen.

Während die Geschichten sich um Kriegsheimkehrer, amerikanische Soldaten, die Dorfereignisse und erste Schulbesuche drehen, liegt darunter eine Welt sexueller Enthemmung. Selbst die Schulkinder vertreiben sich die Zeit mit sexuell aufgeladene Demütigungen, die allerdings im Vergleich zu den Taten der Erwachsenen harmlos sind.

Kamimuras Perspektive auf die direkte Nachkriegszeit ist derart sexuell aufgeladen, dass sie geradezu radikal ist. Hier zeigt sich der Einfluß der Ukiyo-e, deren hemmungslose Darstellung von Sexualität für den westlichen Betrachter (vor allem früherer Zeiten) obszön erscheinen muß. Für Kamimura ist es hingegen ein Stilmittel, dem er auch mit seinem Zeichenstil sehr nahekommt: Sein klar konturierter Strich besitzt eine fließende Qualität, der er mit großen Flächen aus Schwarz und Grau Gewicht verleiht. Dramatische Perspektiven täuschen dabei über die vielfach statische Anlage seiner Szenen hinweg und auch wenn er nicht soweit geht wie manche Meister des Shojo-Manga mit ihren ganzseitigen Collagen, so ist auch sein Layout sehr dynamisch.

Nachdem der erste Band von „La plaine du Kantô“ Kintas Aufenthalt dort abschließt, folgt ihm der zweite nach Tokyo und der dritte stellt gewissermaßen wieder einen Aufbruch aus dieser Stadt dar, die während Kintas Heranwachsen immer mehr zum urbanen Moloch wird. Gerade durch diese fast beiläufige Chronistenarbeit zeichnet sich diese Serie aus, die – ähnlich wie das bereits erwähnte „Gegen den Strom“ von Yoshihiro Tatsumi – einen radikal anderen Blick auf Japan wirft und sie von Kamimuras anderen Arbeiten absetzt. Im Gegensatz zu dem Realisten Tatsumi ist Kamimura allerdings ein Modernist, der in „La plaine du Kantô“ ein romanhaftes Panoptikum einer Zeit entworfen hat. Etwas was nur wenige Manga – nicht nur jener Zeit – erreicht haben.

[Zur Rezension diente die französische Ausgabe des bisher noch nicht auf Deutsch erschienen Manga.]

 

Kazuo Kamimura
La plaine du Kantô
Kana
Band 1: ISBN 978-2-5050-1033-3
Band 2: ISBN 978-2-5050-1073-9
Band 3: ISBN 978-2-5050-1186-6

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