Graphic Novel – Kyoko Okazaki, Pink

Vertical Inc. ist ein amerikanischer Verlag, der sich in den zehn Jahren seines bisherigen Bestehens darum verdient gemacht hat Klassiker des japanischen Manga ins Englische zu übersetzen. Neben vielen mainstreamigeren Titel sind dies vor allem bewunderswerte Ausgaben von Autoren wie Osamu Tezuka („Buddha“), Keiko Takemiya („Andromeda Stories“) oder Ai Yazawa („Paradise Kiss“). Eine der nun ausgewählten neu erschienen Werke ist ein Rückgriff in die 80er: „Pink“ von Kyoko Okazaki aus dem Jahr 1989.

Tokio am Ende der 80er-Jahre ist eine Stadt der Superlative. Japan steht auf dem Höhepunkt seiner wirtschaftlichen Macht: Elektronikgeräte werden in die ganze Welt verkauft, die Immobilienpreise haben astronomische Höhen erreicht und das Land gilt als Vorbild für ganz Ostasien. In den großen Einkaufsstraßen dominieren die Geschäfte der großen Luxusmarken, die jede Extravaganz zum Verkauf anbieten.

Yumi ist ein Kind ihrer Zeit. Shoppen ist einer ihrer größten Freuden und sie leistet sich
nicht nur den Luxus eines großen Appartments, sondern auch noch ein mehr als nur exotisches Haustier: Ein ausgewachsenes Krokodil namens Croc. Da ihr Gehalt als Büroangestellte für all das nicht ausreicht, arbeitet sie nachts noch als Prostituierte, die all die frustrierten, perversen, häßlichen und alten Männer bedient, die in ihren Firmen viel Geld verdienen, um sich eine Nacht mit jemandem wie Yumi leisten zu können.

Yumi ist oberflächlich, materialistisch und hat damit auch gar kein Problem. Ihre Routine wird durch zwei Faktoren durchbrochen: Ihre frühreife, abgebrühte Halbschwester Keiko, die schon einmal einen ihr verhassten Hund entführt, um ihn an Croc zu verfüttern; sowie der Student Yoshino, der eines Tages Autor werden möchte, aber sich vor allem von Yumis Stiefmutter aushalten läßt.

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Kyoko Okazaki erzählt ihre Geschichte mit einem derartigen Lakonie und einem solch trockenem Humor, dass die Seiten beim Umblättern geradezu knirschen. Denn „Pink“ ist alles andere als ein typisches „Shojo“-Manga (von einer Frau für Frauen geschrieben), sondern vielmehr eine klassische Satire, die eine ganze Epoche und ihren hemmungslosen Materialismus aufs Korn nimmt. Da sie im westlichen Raum erst so spät erscheint, ist sie zugleich auch eine Rückschau auf eine im heutigen Japan inzwischen auch verklärte Zeit. Obwohl Yumis schockierende Abwesenheit von jeder Form von Werten sie eher zu einem geistigen Verwandten von Patrick Bateman aus „American Psycho“ macht, als zu einem Vorbild aus einem goldenen Zeitalter.

Kyoko Okazakis Stil muß hierbei als gewöhnungsbedürftig bezeichnet werden, weil er so wenig den heutigen Erwartungen an ein Manga entspricht. Ihre Zeichnung erinnern vielfach mehr an Skizzen, ihr Einsatz von Schattierungen ist mehr der dramatische Betonung als der realistische Darstellung geschuldet. Da Okazaki sich später sehr stark für Mode interessiert hat, ist der Vergleich mit den Skizzen eines Couturiers sicherlich nicht zu weit hergeholt.

Im Verlagsprogramm von Vertical Inc. ist „Pink“ eines der Mangas, das sich der Verlag neben Bücher über die japanische Küche und Origami vermutlicherweise aus eigener Begeisterung für die Materie leistet. Es ist vielleicht zuviel „Pink“ als ein Schlüsselwerk einer Epoche zu nennen, aber das Manga war Kyoko Okazakis Durchbruch und sie etablierte sich damit als eine Autorin und Zeichnerin, die einen schonungslosen Blick auf Sex, Kapitalismus, durchsichtige Doppelmoral und Japan im Allgemeinen wirft. Weniger muß man von „Pink“ auch nicht erwarten.

[Bisher liegt „Pink“ nur in der Englischen Ausgabe von Vertical Inc. vor.]

 

Kyoko Okazaki
Pink
Vertical Inc.
ISBN 978-193913012-9

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