Graphic Novel – Mark Andrew Smith & James Stokoe, Sullivan’s Sluggers

Manchmal ist es nicht der Inhalt eines Werkes, sondern dessen Entstehungsgeschichte, die faszinierend ist. Dies ist der Fall von „Sullivan’s Sluggers“ von Mark Andrew Smith (Autor) und James Stokoe (Zeichner), dessen verworrene Geburt nur teilweise rekonstruiert werden kann. Doch sie enthält so ziemlich alles, was in der heutigen Comicwelt von Bedeutung ist, von ehrgeizigen Autoren, über marginalisierte Künstler, Eigenverlag, digitale Distribution, Social Media-Fehden und ein Desaster einer Comic-Crowdfunding-Kampagne. Statt einer Rezension, eine Rekapitulation über die Entstehung eines Comics im 21. Jahrhundert.

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Wider Erwarten hat „Sullivan’s Sluggers“ vor etwas mehr als einem Monat (am 18. Dezember) seine öffentliche Premiere gefeiert. Das es überhaupt soweit kam, war lange nicht zu erwarten gewesen. Denn die nachweisbare Geschichte von diesem Comic, dass vom Überlebenskampf einer Baseballmannschaft in einer Zombiestadt erzählt, beginnt bereits mit einer Absage: Bereits 2010 wurde die Serie als Graphic Novel vom amerikanischen Comic-Major Image angekündigt. Smith war zu diesem Zeitpunkt bei Image ein etablierter Autor, seine Serie „Amazing Joy Buzzards“ entstammte der von ihm herausgegebenen Anthologie „Popgun“. Jede Menge Interviews mit dem Schöpfer Mark Andrew Smith sorgten für einen ordentlichen Hype um das Werk.

Bevor es soweit kam, wurde die Graphic Novel von Image wieder aus dem Programm genommen. Image äußerte sich dazu nicht und auch Mark Andrew Smith nicht. „Sullivan’s Sluggers“ hatte zu diesem Zeitpunkt bereits viele positive Pressestimmen erhalten. Was nicht zuletzt auch auf die Beteiligung von James Stokoe zurückging, dessen eigene Serie „Orc Stain“ ihn zu einer der neuen Hoffnungen am amerikanischen Indie-Comic-Himmel gemacht hatte. Doch das Werk dieser beiden Hoffnungsträger blieb erst einmal für über ein Jahr verschwunden. Erst im Mai 2012 tauchte es wieder auf: Auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter.

Mark Andrew Smith verantwortete die Crowdfunding-Kampagne alleine und wollte sich damit – nach eigener Aussage – aus dem Griff der traditionellen Verlage befreien. Wieder gelang es Mark Andrew Smith ordentlich Aufmerksamkeit für „Sullivan’s Sluggers“ zu erhalten. Bereits am ersten Tag der Kampagne kamen – statt der anvisierten Gesamtsumme von 6.000 Dollar – mehr als 16.000 Dollar zusammen. Am Ende sollten es 97.626 Dollar sein.

Smith hatte die Kampagne mit immer neuen Aufwertungen, noch mehr Bonusmaterial und Extravaganzen für das Buch weiter angeheizt. Das die Rechte für das Comic auch noch an eine Filmproduktionsfirma verkauft wurden, sorgt für weiteren Hype. Den enthusiastischen Unterstützern der Kampagne wurde versprochen, dass sie innerhalb von nur vier Monaten, im September 2012, das Werk selber in den Händen halten konnten. Für 30.- Dollar konnte man die Hardcover-Ausgabe erwerben, 10.- Dollar mußten die Unterstützer außerhalb der USA für ihr Exemplar drauflegen.

Doch es sollte alles ganz anders kommen: Bereits im selben Monat wie die erfolgreiche Kickstarter-Kampagne erschien „Sullivan’s Sluggers“ bei dem digitalen Comicdistributor Comixology. Die Unterstützer des Projektes, die auf Kickstarter ihr Geld für dessen Veröffentlichung unterstützt hatten, mußten noch bis September auf ihre digitale (!) Kopie warten. Spätestens an dieser Stelle war Zweifel an Smiths Geschäftspraktiken angebracht. Vor allem da die ebenfalls versprochene Buchausgabe inzwischen auf Januar verschoben worden war. Das Smith inzwischen auf Social Media-Kanälen frustrierte Unterstützer ziemlich hart angegangen war, verschärfte den Unmut noch weiter.

Smith kündigte an, dass die ersten Bücher im Januar 2013 ausgeliefert worden seien, doch die meisten Unterstützer mußten weiter warten. Als dann im März plötzlich ein zweites Kickstarter-Projekt auftauchte, dass Smith eingerichtet hatte, um „die internationalen Lieferkosten“ finanziell abzudecken brach der Tumult erst richtig los. Die Situation eskalierte schließlich am 7. März 2013.

Ein Journalist von Comics Alliance wies anhand von Fotos, die Smith selber gepostet hatte, das Smith offensichtlich statt Bücher für seine rund 2.800 Unterstützer mehr als 6.000 Exemplare hatte drucken lassen. Und dies obwohl die Bücher „exklusiv“ für die Kickstarter-Unterstützer gedacht gewesen sein sollten. Am selben Tag beleidigte Smith auch noch Künstler Stokoe auf Kickstarter und machte ihn für die Verzögerungen mitverantwortlich, worauf Stokoe sich öffentlich von seiner eigenen Arbeit und „Sullivan’s Sluggers“ distanzierte.

Der Aufschrei war extrem. Smith sah sich gezwungen die zweite Kickstarter-Kampagne einzustellen. Doch die Ereignisse hielten ihn nicht davon ab auf der Kickstarter-Alternative Indiegogo erneut zu versuchen Geld für die „internationale Lieferkosten“ zu sammeln. Es kam allerdings nicht sehr viel dabei zusammen. Seit Frühjahr 2013 sammelten sich auf Kickstarter die Nachfragen von Unterstützern, die immer noch auf ihre Ausgabe von „Sullivan’s Sluggers“ warten. Innerhalb und außerhalb der USA. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Stattdessen tauchte die angeblich exklusive Kickstarter-Edition von „Sullivan’s Sluggers“ auf in der Oktober-Ausgabe des internationalen Comicversandhändlers Diamond auf (Bestellnummer „Oct13 1234“). Während ich diese durch meine Bestellung über Diamond in den Händen halte, warten internationale Unterstützer der Kickstarter-Kampagne immer noch auf ihr Exemplar…

Und das Comic?
Tja… Es ist bestenfalls mittelmäßig. James Stokoes Zeichnungen halten nicht seinen üblichen Standard, vor allem da die Koloration in anderen Händen lag. Die Geschichte ist vorhersehbar. Dennoch wird Mark Andrew Smiths Beitrag an „Sullivan’s Sluggers“ und sein Einluß auf die ganze Comicwelt nicht so schnell vergessen werden: Seit seiner Kampagne ist Crowdfunding für Comics wieder schwieriger geworden.

 

Mark Andrew Smith & James Stokoe
Sullivan’s Sluggers
Maneki Neko Press
ISBN 978-0-9882325-0-1

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