Graphic Novel – Marion Fayolle, La tendresse des pierres

Marion Fayolle ist eine junge, aufstrebende Illustratorin aus Frankreich. Obwohl erst 25 Jahre alt, haben es ihre Zeichnungen etwa schon auf die Seiten der New York Times gebracht. Dies ist vor allem ihrem sehr markanten Stil zu verdanken: Mit dünnen Strich gezeichnete Figuren in gedeckten Farben, die in ihrer Darstellung und Posen eher an Ikonen erinnern und gerade deswegen sich bestens für das Sinnhafte und Assoziative eignen. Mit „La tendresse des pierres“ (Deutsch etwa „Die Zärtlichkeit der Steine“) liegt ihr neues Comic vor.

„La tendresse des pierres“ ist eine Familiengeschichte. Die im Titel auftauchenden Steine tendresse_des_pierressind eine Umschreibung für den Familienvater, der nach einer Krebsdiagnose und entsprechenden Operationen zum Pflegefall geworden ist. Doch Autorin und Zeichnerin Marion Fayolle entscheidet sich diese Geschichte nicht so zu erzählen. Stattdessen erzählt sie ganz entsprechend ihrem Zeichnestil in Allegorien und Metaphern. Darüber wie ihr Vater Mund und Nase verloren hat, darüber wie seine Lunge zu Grabe getragen wird.

Dabei stehen ihre flächigen, zweidimensionalen, sehr illustrativen Zeichnungen dem Text gegenüber. „La tendresse des pierres“ kennt keine Wortblasen, sondern der Text steht als Prosa neben den Bildern, mal als Caption, mal als eigenes Panel, mal als dekoratives Element. Dementsprechend ist die Erzählstimme die der Autorin selbst und hierin ähnelt „La tendresse des pierres“ Comics wie etwa David Bs „Die heilige Krankheit“ oder auch David Smalls „Stitches“, die Familien- und Krankheitsgeschichte verbinden.

Der entscheidende Unterschied ist dabei die Entfremdung durch das Symbolhafte, die Marion Fayolle vornimmt. Erst auf den letzten Seiten benennt sie selber erst die Krankheit ihres Vaters, obwohl man sie bereits erraten konnte. Dabei deutet sie an, dass Teile des Buches während der Erkrankung entstanden sind und nicht in der Rekapitulation, was erklären mag, warum Fayolle sich mit der Nähe zu ihren Figuren so schwer tut, warum sie die Ereignisse lieber symbolhaft verklärt, als offen von ihnen zu berichten.

Obwohl es menschlich verständlich ist, liegt darin dennoch eine der größten Schwächen ihres Buches. Während die Bilder eigenständig und in ihrer Verschlüsselung faszinierend mysteriös sind, wirkt der dazugehörige Text vielfach überladen und repetitiv, weil er versucht ein Geheimnis aufzubauen, wo eigentlich keines ist: Krankheit und Tod des Vaters zeichnen sich deutlich ab und das Leiden der Familie, die mit den Bedürfnissen des Kranken konfrontiert ist, ebenfalls.

Letztendlich ist das Durchblättern von „La tendresse des pierres“ dennoch faszinierend, gerade weil man es durchblättert: Die Bilder, die Marion Fayolle in ihrem einzigartigen Illustrationsstil auf das Papier bringt sind nicht immer originell, aber genau auf den Punkt. Beim Durchblättern bleibt man geradezu zwangsweise immer wieder an einzelnen Bildern hängen und sieht dabei über jeden Text hinweg.

 

Marion Fayolle
La tendresse des pierres
Éditions Magnani
ISBN 978-2-9539817-9-7

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