Graphic Novels – Élodie Durand, La Parenthèse

Manchmal stößt man in einem Comicladen, irgendwo in einem hinteren Regal auf ein Comic. Wenig beachtet, stand es dort bereits seit einiger Zeit und hat Staub angesammelt. Potentielle Leser sind daran vorübergegangen, weil ihre Aufmerksamkeit bereits von den bunten Auslagen der Neuerscheinungen angezogen wurde. Das dann doch jemand zugreift und das fast schon vergessene Comic aus dem Regal zieht ist ein seltener Glücksfall, im allerbesten Fall einer für Comic und Leser.

Das französische Comic „La Parenthèse“ (auf Deutsch etwa „Die Klammer“) ist so ein Comic, das leider auch niemals den Weg nach Deutschland und auch in Frankreich nicht die Beachtung gefunden hat, die man diesem Comic gewünscht hätte. Dabei bescheinigen die theoretischen Kennwerte von „La Parenthèse“ geradezu dessen Marktfähigkeit: Das autobiografische Comic einer jungen Illustratorin, die ein schweres Schicksal verarbeitet. Es fällt nicht schwer auf dem Markt der Graphic Novels Comics zu finden, die unter diesen Gesichtspunkten Tausende von Exemplaren abzusetzen. Das es gemeinsam mit Ulli Lust‘ „Heute ist der letzte Tag vom Rest Deines Lebens“ 2011 einen Preis auf dem Comicfestival von Angoulême gewonnen hat, verstärkt diesen Eindruck noch. Aber warum ist danach im Vergleich zu Ulli Lust‘ Graphic Novel so wenig passiert?

„La Parenthèse“ unterscheidet sich von allen anderen autobiografischen Graphic Novels vor allem in einem zentralen Punkt: Es ist das Dokument einer Überlebenden. Autorin und Zeichnerin Élodie Durand schildert nicht wie sie sich mit der Krankheit von Familienangehörigen auseinandergesetzt hat, sondern sie selber ist die Kranke im Kreis ihrer Familie und dies thematisiert sie mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit, Erschrecken und nicht selten auch hilfloser Wut.

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Zu Beginn der Erzählung ist Élodie eine vielversprechende Studienabgängerin: Ihre ersten Jobs als Illustratorin und Malerin deuten an, dass ein erfolgreicher Weg vor ihr steht. Sie hat für ihr Alter ein normales Privat- und Familienleben. Bis eines Tages Menschen ihr sagen, dass sie sich merkwürdig benehmen würde. Élodie (die in der Geschichte ihren zweiten Vornamen „Judith“ verwendet) ist verwirrt, sie kann sich nicht daran erinnern, dass sie sich merkwürdig benommen hätte. Die Nachfragen, ob es ihr auch wirklich gut geht, bejaht sie und versucht die Zweifel beiseite zu schieben. Als sie im Urlaub mit ihrem Freund allerdings vollkommen außer Kontrolle gerät, ihn beschimpft und angreift, kann sie nicht mehr ignorieren, dass etwas mit ihr nicht stimmt.

Die Diagnose lautet Epilepsie, hervorgerufen durch einen tiefsitzenden Gehirntumor. Während die Therapie beginnt wird Élodie allerdings nicht nur damit konfrontiert, dass sie sich in die Hand von Ärzten und ihrer sie unterstützenden Familie begeben muß, sondern vor allem, dass ihr Geist versagt. Die Gedächtnislücken werden immer größer, viele Passagen der Graphic Novel sind nur Rekonstruktionen aus den Erinnerungen anderer Anwesenden, da Élodie Durand selber keine Erinnerung mehr an die dramatischen Ereignisse hat, die ihr Leben zu kennzeichnen beginnen.

Wie der Protagonist in Daniel Keyes‘ berühmter Novelle „Flowers for Algernon“ muß Élodie feststellen, dass sie langsam ihre geistigen Fähigkeiten verliert. Lange Passagen geistiger Abwesenheit werden von einzelnen lichten Momenten aufgehellt, in denen Élodie sich vor dem erschreckt, wozu sie der Tumor und die Medikamente im Kampf gegen diesen gemacht haben. Die Lücken in der Geschichte füllen die Berichte der Familie und Freunde, die von Élodies Verlorenheit in einer Welt erzählen, die ihr langsam Stück für Stück fremd wird.

Zwischen Élodie Durands einfache Graphitzeichnungen, die die Geschichte dem Leser auf unaufwändige und direkte Art und Weise nahebringen, hat die Autorin Skizzen aus der Zeit ihrer Krankheit eingestreut: Erschreckende Kritzeleien, die nichts erkennen lassen von der studierten Illustratorin, grafische Hilfeschreie in denen der eigenen Körper zu einem verzerrten, fremden Etwas geworden ist.

Es ist vor allem die unverblümte Ehrlichkeit von Élodie Durand, die „La Parenthèse“ auszeichnet. Es ist erkennbar, dass sie nicht jedes Detail ihres damaligen Lebens aufgezeichnet hat (soweit sie sich überhaupt daran erinnern konnte), aber sie erspart dem Leser nicht den Schrecken der Krankheit, die im Zentrum der Geschichte steht. Ebenso wenig romantisiert sie den Weg zurück in ein Leben, das nach mehrjähriger Therapie und mühevoller Rehabilitation so normal nicht mehr sein kann.

„La Parenthèse“ ist kein Buch, das es dem Leser leicht macht: Die grau-schwarzen Zeichnungen sind spröde, das Cover der französischen Originalausgabe minimalistisch, der Klappentext wenig hilfreich und die hier, so erzählte Geschichte einer Krankheit keinesfalls aufmunternd. Élodie Durands Graphic Novel über ihr eigenes Schicksal bietet kein Happy End, keine Verklärung einer erschreckenden Krankheit, deren ganzer Umfang der Leser nur erahnen kann. Doch gerade dies macht das Buch so bemerkenswert: Es ist das Dokument einer Überlebenden, die etwas in ihrem Leben überwunden hat, dass größer ist als die Vorstellungskraft der meisten Menschen. Gerade weil Élodie Durand uns einen Blick darauf erlaubt, sollte „La Parenthèse“ nicht in den Regalen der Comicläden stehenbleiben, sondern gelesen werden.

[Als Rezensionausgabe diente die französische Originalausgabe. „La Parenthèse“ ist bisher nicht auf Deutsch erschienen.]

 

Élodie Durand
La Parenthèse
Delcourt
ISBN 978-2-7560-1703-7

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