Graphic Novel – Liz Prince, Alone Forever

Bärtige Männer in Karohemden, die Mixtapes machen, stürzen mich in eine Sinnkrise.

Aber für Nicht-Eingeweihte erst einmal ein kleiner Exkurs: Der breiten Öffentlichkeit wurde Liz Prince 2005 mit ihrem Autobiographic Comic „Will You Still Love Me If I Wet the Bed?“ bekannt. Zuvor war sie bereits in diversen Anthologien und mit Mini-Comics in Erscheinung getreten, so dass der oft gegen sie zu hörende Vorwurf sie würde den inhaltlich und zeichnerisch ähnlichen Jeffrey Brown („Clumsy“, „Darth Vader & Son“) kopieren nie gerechtfertigt war.

Beide gehören derselben Generation, die wahrscheinlich mit am besten die Comic-Indie-alone_foreverSzene der frühen 2000er-Jahre repräsentiert. Diese amerikanischen Zeichner und Autoren verabschiedeten sich von ausgearbeiteten Stilen und reklamierten den Charme des Halbfertigen und Handgemachten für sich. Ihre Geschichten sollten authentisch sein und einen Blick auf einen direkten, manchmal peinlichen Blick auf den Alltag werfen. Diese Art von Comics paßte bestens zum Indie-Lifestyle der damaligen Zeit. Man sah sich „Lost in Translation“, „Before Sunset“ oder „Napoleon Dynamite“ an, hörte The Strokes, Sufjan Stevens oder die frühen Arcade Fire und referierte darüber, warum es niemals eine bessere Comic-Verfilmung als „Ghost World“ geben könnte.

Die schwarz-weißen, hingeworfenen Slice-of-Life-Anekdoten von Jeffrey Brown oder eben Liz Prince passten perfekt zu dieser Zeit. Alleine schon der Titel „Will You Still Love Me If I Wet the Bed?“ brachte den damals perfekten Inbegriff des Urbanen und Hippen in einem einzigen Wort auf den Punkt: „Quirky“.

Aber es ist verräterisch über eine vergangene Zeit zu sprechen, wenn man doch eigentlich ein aktuelles Comic rezensieren will. Das liegt nicht zuletzt daran, dass man beim Lesen von „Alone Forever“ plötzlich wieder in einem etwas muffigen Art-House-Kino sitzt, die eine Hand um ein zerkratztes Prä-iPhone-Nokia, die andere um einen großen Starbucks-Kaffee. Unter der Kapuze einer Militärjacke-mit-Fellbesatz heraus schielt man auf die leicht angegilbte Leinwand und denkt daran, dass man über diese „quirky“ Anekdoten aus dem Liebesleben einer Mittdreißigerin einen Blogbeitrag schreiben sollte. Als Mann hatte man damals Bart, ein Karohemd und machte Mixtapes.

Vielleicht liegt dieses übermächtige Gefühl daran, dass Liz Prince für eben diese bärtigen Männer mit Karohemden schwärmt, die Mixtapes machen. Vielleicht liegt es daran, dass man sich fragt, warum eine Mittdreißigerin darüber schreibt, dass sie für bärtige Männer mit Karohemden schwärmt, die Mixtapes machen. Und dann fragt man sich, ob es positiv oder negativ ist, dass eine Comic-Autorin für bärtige Männer mit Karohemden schwärmt, die Mixtapes machen oder ob das für die Qualität des Comics entscheidend ist. Aber mal ehrlich: Karohemden? Mixtapes? Ist das nicht schon wieder total uncool? Ist Liz Prince total uncool? Darf man dieses Comic eigentlich lesen, ohne dass man selber verdächtigt wird total uncool zu sein?

Das ist der Kern der Sinnkrise, die „Alone Forever“ repräsentiert: Liz Prince war einmal eine dieser Zeichnerinnen, die als Inbegriff des Hipstertums galten. Jahre später veröffentlicht sie wieder ein Comic und plötzlich ist ihr Hipstertum geradezu ein zeithistorisches Artefakt. Es drängt sich die Frage auf, ob an ihrer Arbeit jemals mehr als ihr Hipstertum dran war. Vielleicht ist das diese ehrliche Offensichtlichkeit ihrer Erzählung eine Stärke ihres Werkes oder aber es offenbart eine inhaltliche Schwäche. Das ist letztendlich eine Frage der individuellen Perspektive des Lesers.

Auf den letzten Seiten von „Alone Forever“ steht, dass man auf ihrer Website Liz Prince-Merchandise kaufen kann. Vielleicht lohnt es sich dort zuzugreifen, falls es einmal musealen Wert haben könnte. So wie bärtige Männer mit Karohemden, die Mixtapes machen.

 

Liz Prince
Alone Forever
Top Shelf
ISBN 978-1-60309-322-4

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