Graphic Novel – Takako Shimura, Wandering Son

„Wandering Son“ könnte ein Manga über Angst sein: Die Angst nicht dazu zu gehören, die Angst ausgelacht zu werden, die Angst Erwartungen nicht erfüllen zu können. Dies alles treibt den etwa 11jährigen Nitori um, der nach einem Umzug seiner Familie gerade an eine neue Schule gekommen ist. Der Zufall will es, dass er in der Schulklasse neben Takatsuki sitzen soll. Sie soll ihm – dem Neuen in der Klasse – alles zeigen. Als sie ihn zu sich einlädt, um gemeinsam Hausaufgaben zu machen, fällt Nitoris Blick auf ein Kleid. Als die burschikose Takatsuki, die Kleider nicht ausstehen kann, seinen Blick bemerkt, schenkt sie es ihm kurzerhand und stößt damit etwas in Nitori an.

Auch die temperamentvolle Chiba entdeckt Nitoris Faszination für Frauenkleider und wandering_sondrängt sie ihm geradezu auf. Doch dort wo Chiba mit ihrer drängenden, fordernden Art auf Nitoris stille Ablehnung stößt, ist es Takatsuki, die seinen stummen Impuls aufnimmt und weiterführt. Bei einem zufälligen gemeinsamen Friseurbesuch läßt sie sich Nitoris Jungenhaarschnitt schneiden, während Nitori vor der Schere zurückschreckt und lieber seine längeren Haare behält. Während Takatsuki plötzlich für einen Jungen gehalten wird, entdeckt Nitori, dass er mithilfe von nur ein paar Accessoires als Mädchen erscheinen kann. Und plötzlich müssen sich beide die Frage stellen: Was wäre wenn?

Es sind einzelne Gegenstände, die in „Wandering Son“ plötzlich mit Bedeutung aufgeladen werden: Ein Kleid, eine Haarspange, eine alte Schuluniform… In den Händen von Nitori und Takatsuki werden sie plötzlich zu Symbolen einer Identität, über die beide Teenager sich gerade erst beginnen Gedanken zu machen. Doch beide erkennen, dass diese Identität nicht unbedingt mit dem zusammenpaßt, was von ihnen als Junge oder Mädchen erwartet wird.

„Wandering Son“ wird häufig als ein Manga über Transsexualität bezeichnet, doch das ist zu kurz gegriffen, denn es geht um viel mehr als das. Denn er spielt in einer Phase des Lebens zwischen der Kindheit und der rasenden Veränderung der Pubertät, in dem körperliche Entwicklung und Bewußtsein besonders weit voneinander entfernt sind. Nitori und Takatsuki verstehen bereits, dass sie dabei sind sich zu einem Mann oder einer Frau zu entwickeln, obwohl diese Entwicklung gerade erst beginnt und sie stellen fest, dass dies nicht mit ihrem Selbstbild zusammenpaßt. Der Begriff der Sexulität hat für sie beide noch ebenso wenig Bedeutung, wie die Silbe „Trans“ andeutet, dass eine Veränderung stattgefunden hat. Beides ist für sie noch nicht das, was sie leben.

Das Takako Shimura dieses Gefühl einfängt, macht den besonderen Charakter von „Wandering Son“ aus. Wer klare Aussagen zu Themen über Trans-, Homo- oder Heterosexualität erwartet, muß feststellen, dass der Manga diese Erwartungen unterwandert. Für Nitori und Takatsuki ist nichts eindeutig, es gibt keine Gewissheit oder Sicherheit für sie, solange sie nicht am Ende ihrer ganz individuellen Entwicklung angekommen sind. Sie sind beide gerade erst dabei sich eine eigene Identität anzueignen.

Auch die um beide herum gruppierten Figuren, ihre Freunde und Familie, bringen das zum Ausdruck: Nitoris manchmal aufdringliche Schwester Maho schwankt zwischen Begeisterung und Ablehnung hin und her; die scheinbar so selbstsichere Chiba zerreisst sich innerlich fast in ihrem kaum zu befriedigenden Verlangen… Nur die kindliche Sasa nimmt die ganze Welt um sie herum mit naivem Erstaunen und ohne Zweifel auf.

Der von Takako Shimura dabei gepflegte, sehr zurückgenommene Shojo-Stil aus feinen Linien und ständig wechselnden, aber niemals extravaganten Layouts trägt dabei ein großes Maß zu der Atmosphäre bei. Selbst ihre selten, aber manchmal doch dunklen Panels wirken nicht so, sondern erscheinen stets hell und luftig, vermitteln den Eindruck einer Welt in der die großen Konflikte nicht an die Oberfläche brechen, sondern sich vor allem reflektieren: In Kleidern, Haarspangen, alten Schuluniformen…

Dadurch entsteht eine erstaunliche Illusion der Zeitlosigkeit, die aber ganz und gar nicht die Realität der Figuren wiederspiegelt: Es fällt kaum auf, doch die Figuren durchlaufen Jahreszeiten, wechseln ihre Kleidung und damit tickt in ihnen allen auch die biologische Uhr, die Nitori und Takatsuki vor die unaufhaltsame Erkenntnis stellt, dass sie nicht dass zu dem heranwachsen, wonach sie sich sehnen. Dadurch, dass Takako Shimura zusätzlich gelegentlich auch die lineare Erzählweise durchbricht, erinnert sie den Leser immer wieder daran, dass hier Dinge stattfinden, deren andauernde Entwicklung von größerer Bedeutung ist als der Moment.

„Wandering Son“ ist ein Manga, das durch seine Themenwahl und dabei durch seine Zurückhaltung, vor allem aber durch seine Einfühlung in die Welt dieser nicht ganz so normalen Jungen und Mädchen besonders wird. Das es dennoch sicherlich nicht bei jedem Leser auf Gegenliebe stößt (dabei soll jetzt garnicht erst von engstirnigen Menschen die Rede sein), liegt sicherlich an seiner langsamen, scheinbar so konfliktarmen Erzählweise. Es ist ein Manga über junge Menschen, dass aber eher ältere, reifere Menschen sucht, die wissen, dass das stille Leiden der Identitätskrisen keine Dramatik benötigen, um ihre unaufhaltsame Wucht zu entfalten.

[„Wandering Son“ ist bisher nur auf Englisch erschienen. Es liegen bisher 7 Bände vor.]

 

Takako Shimura
Wandering Son
Fantagraphics Books
Band 1: ISBN 978-1-60699-416-0

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