Graphic Novel – Michael Cho, Shoplifter

Um es gleich zu sagen: „Shoplifter“ sieht fantastisch aus. Der dezente Retro-Stil von Autor und Zeichner Michael Cho ist in Schwarz, Weiß und einer Schattierung gehalten, die in diesem Buch rosa ausfällt. Er nutzt diese ungewöhnliche Kombination, um viel mit Negative Space zu arbeiten und erreicht so eine erstaunliche Tiefe, vor allem dann, wenn er die als Handlungsort dienende nordamerikanische Stadt (vermutlich Toronto), dem Leser großflächig auf Doppelseiten präsentiert.

Durch diese Stadt bewegt sich Corinna Park, eine junge Mitarbeiterin einer Werbebüro, shoplifterdie in einer Krise steckt: Ihre Motivation für ihre Karriere ist zusammengebrochen, sie begegnet ihren Kollegen nur noch mit Zynismus und selbst ihr wohlmeinender Chef – der große Hoffnungen in sie gesetzt hatte – kann nicht mehr die Augen davor verschließen, dass sich Corinna zunehmend isoliert. Nur noch der gelegentliche Diebstahl von Magazinen in einem Supermarkt verschafft ihr für einen kurzen Moment das Gefühl von Aufregung. Obwohl gerade sie so etwas garnicht nötig hätte.

Doch mit einem Ultimatum ihres Chefs Rodney im Nacken, bleibt ihr nur ein Wochenende sich zu entscheiden, ob sie weiterhin Karriere machen will oder doch lieber etwas anderes. Ihre Kollegin Candi setzt alles daran Corinna aus ihrem emotionalen Tief hervorzuholen, vor allem gibt es da diese Firmenfeier, wo doch der von Corinna aus der Ferne verehrte Fotograf Ben ebenfalls eingeladen ist…

„Shoplifter“ ist eine Selbstfindungsgeschichte, das persönliche Drama einer Figur, die sich mit dem Zwiespalt zwischen ihren (längst untergegangenen) Idealen und ihrer Realität auseinandersetzen muß, nachdem sie feststellen mußte, dass ihre Vorstellungen von der Arbeitswelt nichts mit dem zu tun hatten, was sie sich früher als Studentin einmal erhofft hatte. Selbst ihr charmanter, aus dem Kontext gerissene Lebensweisheiten zitierender Vorgesetzter kann Corinna nicht ihre Vereinsamung und innere Kapitulation vergessen machen.

Doch obwohl Michael Cho genau weiß was er tut und dies in eben jene schwarz-weiß-rosa Panels packt, ein klassisches Layout mit ungewöhnlichen, packenden Perspektiven gekonnt auffrischt, kann die Gestaltung nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich im Kern um eine 96 Seiten lange Kurzgeschichte handelt. Der inhaltliche Vergleich mit Adrian Tomine, dem Meister dieser Art von realistischer, introspektiver Comic-Erzählung ist kaum von der Hand zu weisen. Fans dieser Art von Erzählung sollten aber sicherlich einen Blick auf „Shoplifter“ riskieren. Es wird aber davon abgeraten den Titel als Aufforderung zu verstehen, um den unauffälligen Band ohne Bezahlen aus dem Comicladen zu tragen, so wie es seine Heldin wahrscheinlich tun würde.

[„Shoplifter“ liegt bisher nur auf Englisch vor.]

 

Michael Cho
Shoplifter
Pantheon Books
ISBN 978-0-307-91173-5

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Ein Kommentar zu Graphic Novel – Michael Cho, Shoplifter

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