Graphic Novel – Cory Doctorow & Jen Wang, In real life

„In real life“ (abgekürzt: „IRL“) ist ein Begriff, der seinen Ursprung in der Steinzeit des Internets hat. Bereits als man sich virtuell nur über heute obskure virtuelle Foren wie BBS oder Newsgroups unterhalten konnte, wurde der Begriff geprägt, um einen einfachen Sachverhalt erklären zu können: Man kennt jemanden nicht nur als Verfasser von Zeilen im Netz oder als Teilnehmer an einem Chat, sondern eben auch jenseits des Computerbildschirms, „in real life“.

Während die Unterscheidung zwischen den unterschiedlichen Welten des Digitalen und in_real_lifeeben jener realen Welt damals noch relativ nachvollziehbar war, hat die Unterscheidung heute eigentlich weitgehend an Bedeutung verloren. Die mobile, digitale Vernetzung der Gegenwart hat dazu geführt, dass das sogenannte „richtige Leben“ mit den digitalen Kommunikationsformen inzwischen weitgehend verschmolzen ist. Nur in einige selten Fällen leuchtet die Unterscheidung zwischen beiden Bereichen noch ein, etwa wenn große geographische Distanzen oder Kulturen die Kommunikation „in real life“ unmöglich zu machen scheinen.

Dies ist einer der Kernkonflikte, um die sich „In real life“, die Graphic Novel aus den Händen des bisher als Romanautoren in Erscheinung getretenen Cory Doctorow („Little Brother“, „Private Cinema“) und der erfahrenen Illustratorin Jen Wang („Koko be good“) dreht. „In real life“ ist dabei eine Adaptation der Kurzgeschichte „Anda’s Game„, die beide Künstler gemeinsam in Graphic Novel-Form gebracht haben.

Doch anstatt die Trennung von realer und digitaler Welt zu verdeutlichen, wie man vielleicht aus dem Titel herauslesen könnte, stellen Doctorow und Wang schnell klar, dass es eigentlich zwischen dem scheinbar so anderen richtigen Leben und dem virtuellen keinen Unterschied gibt, den die Kommunikation und ihre Vermittlung von Ideen und Idealen ist so oder so real.
Aber der Reihe nach…

Anda ist ein durchschnittlicher Teenager in Flagstaff, Arizona: Sie geht zur Schule und interessiert sich für Computer, weil sie gerne Spiele spielt. Als eine Vortragende bei einem Schulbesuch von dem Online-Computer-Rollenspiele „Coarsegold Online“ erzählt und den Mädchen der Klasse anbietet sich ihrer Spielergilde „Fahrenheit“ anzuschließen, packt es Anda. Anda bittet ihre Mutter um die notwendige Erlaubnis und begibt sich dann in die Onlinewelt von „Coarsegold“, wo sie schnell Erfolge feiert und neue Freunde macht.

Doch die Andas Verhältnis zum Spiel beginnt sich zu verändern als die Mitspielerin Lucy Anda einen Job im Spiel anbietet. Falls Anda gemeinsam mit Figuren asiatischer Mitspieler umbringt, die die Ressourcen der Online-Welt sammeln (sogenannte „Goldfarmer“), dann kann Anda echtes Geld damit machen. Zwar ist Anda skeptisch, doch sie läßt sich darauf ein… Der Verlockung mit einem virtuellen Spiel echtes Geld zu verdienen kann Anda nicht widerstehen.

Als Anda und Lucy unter den Spielfiguren ein Massaker anrichten, hat Anda eine merkwürdige Begegnung: Einer der scheinbar identischen Goldfarmer scheint keine Angst vor ihr zu haben. Wie sich herausstellt steckt hinter der kleinen, unauffälligen Spielfigur ein junger Chinese, der sich Raymond nennt. Raymond erzählt Anda wie er zu einem der im Spiel so verhassten Goldfarmer geworden ist und erstmals bekommt Anda Einblick in diese Parallelwelt in der virtuellen Parallelwelt von „Coarsegold Online“. Zwischen beiden entspannt sich daraufhin eine virtuelle Freundschaft. Vor allem auch weil Anda, als idealistische, junge Amerikanerin, verzweifelt versucht ihrem chinesischen Freund zu helfen, doch dies zieht Kreise auch in ihrem realen Leben, die Anda nicht erwartet hätte…

Auch wenn es vielleicht so erscheinen mag, dass „In real life“ nur eine Graphic Novel für die Fans oder zumindest Kenner von Computerspielen ist, könnte dies nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein. Cory Doctorow hat es bereits in seinen Romanen zu seinem Merkmal gemacht komplizierte technologische Zusammenhänge in spannende Geschichten umzuformen. Auch die der Graphic Novel zugrunde liegende Kurzgeschichte schlägt in diese Kerbe. Doch anstatt es dabei zu belassen, unternimmt die Graphic Novel eine zusätzliche Anstrengung: Im Gegensatz zu der Ursprungsgeschichte richtet sich „In real life“ vor allem auch an ein jüngeres Publikum.

Die Geschichte von Anda und ihrem Freund Raymond ist dabei gerade eben keine bloße gutgemeinte Wohlfühlgeschichte für junge Leser geworden, sondern bereits der bloße Umfang an Themen, die Doctorow und Wang dabei ganz nebenbei ansprechen, hätten eigene Bücher füllen können. Diese reichhaltige Erzählweise führt dazu, dass „In real life“ glaubhaft als eine vielschichtige, authentisch wirkende Auseinandersetzung wirkt, die gerade eben junge Leser in ihrer eigenen Lebenswelt wiedererkennen können.

Vor allem Jen Wangs Zeichnungen tragen dabei sehr dazu bei, dass „In real life“ eine Graphic Novel ist, die man guten Gewissens jedem in die Hände drücken kann: Ihre fließenden, runden Cartoonfiguren sind dynamisch und immer ansprechend. Digital imitierte Bleistift- und Graphitlinien und eine sehr dezente Farbgebung sorgen für gleichermaßen klare, wie dynamische Seiten, deren Layout immer aufgeräumt und leicht lesbar sind. Gleichermaßen wirkt so Andas reale Welt ebenso glaubhaft die fantastische Welt von „Coarsegold Online“. Jeder Leser wird von Wangs Zeichnungen mitgenommen und kann zugleich Andas Begeisterung nachvollziehen.

Neben seiner Tätigkeit als Autor versteht sich Cory Doctorow vor allem auch als Aktivist. In dieser Rolle ist er zugleich jemand, der Wissen und Information verbreiten möchte. Gerade deswegen sticht „In real life“ zwischen den vielen anderen, derzeit veröffentlichten Graphic Novels hervor: Dem Leser werden gleich mehrere Parallelwelten nachgebracht. Für ältere Leser mag dies die Welt der Online-Computer-Rollenspiele sein, für jünge das digitale Prekariat chinesischer Jugendlicher. Jeder kann in „In real life“ etwas finden und welche bessere Empfehlung könnte man einem Buch abgeben?

[„In real life“ ist bisher nur in der Englischen Originalversion erhältlich.]

 

Cory Doctorow & Jen Wang
In real life
First Second Books
ISBN 978-1-59643-658-9

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